„Dem Zeug Leben einhauchen“

Eine Begegnung mit Hannelore Elsner

“Wo wollen wir uns hinsetzen?” Freundlich unentschieden blickt Hannelore Elsner in den Teeraum vom Kempi. “Ich bin hier sonst nie”, sagt sie als wir auf die hinterste Ecke zusteuern, wo uns ein Kellner erwartet. “Tag Frau Elsner! Wieder ihr Stammplatz?” Im Hinsetzen zischt sie, “also ich weiß auch nicht, wie der darauf kommt”.

Genau so müßte ein Gespräch mit Marie beginnen. Marie ist die Hauptfigur in Mein letzter Film und Marie ist Hannelore Elsner. Oliver Hirschbiegel hat dieses Ein-Frauen-Stück von Bodo Kirchhoff inszeniert. Es geht um eine Schauspielerin, die ihrem Ex-Mann zum Auszug aus der gemeinsamen Wohnung ein Video hinterläßt. In dem kommt alles zur Sprache – ihr gemeinsames Leben, die gemeinsame Karriere und die Zukunft, die sie sich mit ihm nicht mehr vorstellen will. Ein Buch, wie geschrieben für Hannelore Elsner. Ihre Schönheit, ihre Männer und ihr Liebeskummer haben schon immer größeres Interesse gefunden, als ihre Arbeit. Die Grenze zwischen Rolle und Leben, wenn sie denn überhaupt wahrgenommen wird, hier scheint sie vollends verwischt.

Marie zieht Bilanz und die kann sich sehen lassen. Schließlich verläßt hier nicht irgendwer die gemeinsame Wohnung. Marie ist eine erfolgreiche Frau und Richard war ihre große Liebe. Er war der Mann, der sie entdeckte, der durch sie und sie mit ihm berühmt wurde. Später bröckelt der Lack, er hat junge Freundinnen und sie hat Paul, den verheirateten Politiker, und Tomas, den Fußballtrainer. Jetzt hat Marie von allen genug und Richard bekommt sein Video.

Daß diese Frau Hannelore Elsner gefällt, steht außer Frage. “Ich mag Marie, ich mag sie sehr. Ich mag ihre Ironie, ihren Witz, ihre Zärtlichkeit. Ich mag, daß sie nicht verbittert ist.” Bei Maries Monolog hat man manchmal das Gefühl, ein Zwiegespräch zwischen zwei Freundinnen zu belauschen. “So wie Marie über diese Männer spricht verrät sie eigentlich niemanden.”

Hannelore Elsner sucht keine Distanz zu den Charakteren, die sie spielt. Beim ersten Lesen eines Drehbuchs identifiziert sie sich “sofort, auf der Stelle” mit der Figur, die sie spielen wird. Das Erarbeiten der Rolle gleicht einer Selbstbefragung, einem Stöbern in der eigenen Erinnerung. “Ich besitze einen großen Fundus, in dem ich graben kann und es ist schon befreiend, wenn man da in eine Kammer geht und schaut, was da ist.” Eine doppelte Autorenschaft sei das, sagt sie. “Bodo Kirchhoff hat es geschrieben und ich habe es lebendig gemacht.” Das ist für Hannelore Elsner das Ideal, so bringt Schauspielen Spaß.

“Kinder, aufstehen!”, gelt Marie einmal in die Kamera. Marie als patente Mutter. Der Satz stammt aus einer der Serien, die Richard für sie geschrieben hat. So sieht die andere Seite aus, das ist der Schauspielerinnenalltag, wie ihn Hannelore Elsner auch kennt. “Ich bemühe mich so, diesem Zeug Leben einzuhauchen”, stöhnt sie über solche Drehbücher. Hannelore Elsner hat ein gutes Gespür für Untertöne. So ein “Kinder, aufstehen!” kriegt sie perfekt hin, so perfekt, daß der Abgrund dahinter, das Familienleben, daß vielleicht längst zur Farce geworden ist, spürbar bleibt. Hannelore Elsner ist besser als die meisten ihrer Filme. Es ist dieser Moment ihres Auftritts, in dem plötzlich aufscheint, was der Film, in dem sie gerade spielt, nie erreichen wird – Wahrhaftigkeit.

Hannelore Elsner war lange vor Oskar Roehlers Die Unberührbare, 2000, ein deutscher Star. Sie hat mit Edgar Reitz, Alf Brustelin und Bernhard Sinkel zusammengearbeitet, mit István Szabó und Wolfgang Staudte. Aber sie hat nie dauerhaft zu einem Kreis gehört, wie es zu Zeiten des Jungen Deutschen Films üblich war. “Das waren damals Cliquen und ich habe noch nie zu einer Clique gehört.” Dabei hat sie in diesen Jahren immer von einer Zusammenarbeit wie Cassavetes/Rowlands oder Bergman/Ullmann geträumt.

Film und Fernsehen war für Hannelore Elsner lange eher Lebensunterhalt, dem Theater galt ihre Leidenschaft. Manchmal ging das zusammen wie 1971 bei Iwanow, einer Tschechow-Adaption für das Fernsehen, die ihr eine Goldene Kamera einbrachte, oft nicht. Trotzdem hat sie sich immer wieder für Projekte begeistern lassen. Oskar Roehler hat, weiß Hannelore Elsner, kaum damit gerechnet, daß sie das Buch zu Die Unberührbare, überhaupt liest. Nach dem Lesen hat sie ihn noch in der selben Nacht angerufen. Hanna Flanders wollte sie spielen, unbedingt. “Ich glaube, daß ich die Zeit, in der die Dinge für mich nicht bereit waren, gut überstanden habe”, sagt sie schlicht. Für den Mut und die Offenheit, die eine Rollen wie Hanna Flanders erfordert, oder die böse Rita aus Roehlers Baby Jane-Remake Fahr zur Hölle Schwester, 2002, hat sie die Erfahrung dieser Jahre genauso gebraucht wie für die Kraftanstrengung des 90-Minuten-Solos in Mein letzter Film. “Es ist jetzt die Zeit, in der ich meine Wahrheit und meine Wahrhaftigkeit erreicht habe.” Für Marie ist Mein letzter Film ein Aufbruch, für Hannelore Elsner die Ankunft. Jetzt ist sie wirklich oben.

© Nicolaus Schröder, TIP 2002