Bildersturm

Thomas Schadts BERLIN: SINFONIE EINER GROSSTADT
BerlinSinfonie

Der Rezensent kommt gleich zur Sache. “Dieser Film ist eine schlimme Enttäuschung”, schreibt Siefried Kracauer 1927 über Walther Ruttmanns BERLIN, DIE SINFONIE DER GROßSTADT. Daß “die Herren nicht den kleinsten Ehrgeiz hatten, eine Großstadt zu zeigen, wie sie wirklich ist, sondern den unangemessenen Ehrgeiz gleich eine ‚Sinfonie der Großstadt‘ zu komponieren.”, erbittert den Filmtheoretiker und Feuilletonisten der Frankfurter Zeitung. Einen Film, der den Bewohnern der Stadt gerecht wird, hat er erwartet und nicht rhythmisierte Bildfetzen, “von denen keiner errät, warum sie eigentlich vorhanden sind”. 75 Jahre später hat der Dokumentarfilmer Thomas Schadt (LEBEN OHNE ARBEIT, 1998, MY WAY – JAMES LAST, 2001) ein Remake des Klassikers fertiggestellt, wobei von Ruttmanns Film kaum mehr als die Ausgangsidee blieb.

“Der politische Aspekt hat mir an dem Ruttmann-Film gefehlt.”, sagt Schadt gleich zu Beginn des Gesprächs. “Durch die Montage wird der Mensch zu sehr in eine Anonymität gesteckt.” Wir sitzen in einem Innenhof des Filmstudios Babelsberg, der von der Plastik einer drallen Frauengestalt beherrscht wird, die mit ihren Fußspitzen einen Kunstrasen aus grünen Glassplittern prüft. Vor ihren Füßen windet sich ein ebenso grüner Gartenschlauch, mit dem ein kränklicher Baum gewässert wird. Die Inszenierung gefällt Schadt. Während der Luftschacht der Klimaanlage mal die abgestandene Luft des Tonstudios und mal die Fetzen der Musikpartitur seines Films ausstößt, sprechen wir über Schadts Ruttmann-Projekt.
In seinem Buch “Das Gefühl des Augenblicks” zitiert Thomas Schadt eines seiner großen Vorbilder, den amerikanischen Fotografen Robert Frank. “Es ist schwierig die dünne Linie zu markieren, bei welcher die Materie endet und der Geist beginnt”. Diese Momente, bei denen hinter den Dingen etwas aufscheint, was sonst verborgen bleibt, findet Schadt in seinen Dokumentarfilmen regelmäßig, egal ob es um lebensmüde Autofahrer (DER AUTOBAHNKRIEG, 1991) geht oder ehrgeizige Politiker (DER KANDIDAT, 1998). Das ist ziemlich genau die Gegenposition zum Querschnittsfilm Walther Ruttmanns, der sich am Oberflächenglanz und Tempo des Berlins der Weimarer Republik berauschte, der Szenen inszenierte, mit versteckter Kamera drehte und in der Montage Sensation auf Sensation häufte.

Bei seinem Berlin-Film hat Schadt das Tempo gedrosselt. Zwar stehen wie bei Ruttmann immer noch die Ereignisse eines Tages im Mittelpunkt, doch ist es ein “virtueller Tag” (Schadt), bei dem Sylvester, der Karneval der Kulturen und Fabrikarbeit auf den selben Wochentag fallen. Es gibt Montagen, bei denen die Geschichte der Stadt, die sichtbare und die unterdrückte offenbar wird und es gibt die klassischen Querschnittsmontagen, wie sie Ruttmann gestaltete, bei denen die Abgebildeten jedoch nie zum Spielmaterial einer Filmidee werden. “Die Frage, wie zeigt sich der Mensch, hat mich interessiert”, erzählt Schadt. “Mir war wichtig, daß der Film ein soziales Gewissen bekommt und ein historisches, weil ich in Berlin nicht ignorieren kann, was mit dieser Stadt und in diesem Land in den letzten 75 Jahren passiert ist.”

Im Babelsberger Studio, in dem das DEFA-Orchester früher seine Filmmusiken einspielte, findet die letzte Mischung der Kinofassung von Schadts BERLIN: SINFONIE EINER GROßSTADT statt. Der SWR zeigt mit dem Ruttmann-Projekt, was mit Apparat und Mitteln einer öffentlich rechtlichen Anstalt alles möglich ist. Das Sinfonieorchester des Senders hat die Musik der Komponisten Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring eingespielt. Die Welturaufführung findet in der Staatsoper unter den Linden statt und alle werden kommen. Roland Kluttig wird das Orchester dann dirigieren. Im Studio macht er sich während der Mischung Notizen in der Partitur, die er aufgeschlagen vor sich liegen hat. Die Akustik in dem großen Studio verschluckt nichts und läßt die Komplexität und Klarheit der Komposition hervortreten.

Schadt hat eng mit seinen Komponisten Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring zusammengearbeitet. Schon beim Sichten der ersten Muster wurden Takes angelegt. Am Schneidetisch haben sie gemeinsam nach ersten Berührungspunkten gesucht, wobei die Bild- und Tonebene sich nicht gegenseitig illustrieren sollte. “Wir wollten die Widerstände beibehalten. Das Bild und auch die Musik sollte etwas für sich behaupten können.” So wurde eine Glätte vermieden, die weder der Stadt noch dem Lebensgefühl gerecht würde. Wem neue Musik und ihre Bezüge bisher fremd waren, der sollte sich diesen Film ansehen. Die assoziationsstarke Filmmusik entwickelt sich phasenweise zu einer zweiten, vollkommen eigenständigen Stimme und gerade in diesen Momenten, wo die Musik einen dramatischen Höhepunkt erreicht, wird die Bildebene zum ruhenden Pol inmitten des Sturms. Das Herz rast und doch stellt sich im Kopf eine ruhige Klarheit ein.

In BERLIN: SINFONIE EINER GROßSTADT seziert Schadt die Stadt mit horizontalen und vertikalen Schnitten. So spürt er die Gegensätze auf und beschreibt Berlins prachtvolle Schauseite in der Untrennbarkeit von ihrer verheimlichten Rückseite. Beide Seiten machen das Leben in Berlin aus. “Ruttmann hat einen Film über die Stadt der Zukunft gemacht und ich habe immer stärker das Gefühl bekommen, ich guck mich um und versuch ihm zu zeigen, was aus seiner Vision geworden ist”, sagt Schadt als gerade ein akustischer Orkan aus dem Lüftungsrohr in den Babelsberger Innenhof dringt. Siegfried Kracauer hätte der Film von Thomas Schadt gefallen.

Nicolaus Schröder, tip 2002