Die Axt des Thrax

Schlachtfeldarchäologie am Harzrand

Kaiser Maximinus ThraxEin Zufallsfund sorgte für den ersten Hinweis. Am Harzhorn, einem Höhenzug am Westrand des Harzes, muss ein Römerheer in Kämpfe verwickelt worden sein. Das war der Auftakt zu einem Archäolgie-Krimi, der jetzt eine ganze Epoche in neuem Licht erscheinen lässt.

Im Sommer 2000 zog Winfried Schütte mit einem Metalldetektor los, um in einem Waldstück bei Northeim eine Burg aus dem Mittelalter zu finden. Doch was er unter der Laub und Moos entdeckte, war wenig spektakulär – Metallteile, die erst einmal in einem Karton in der Garage landeten, wo sie vergessen wurden. Erst 2008 brachte Schütte seine Ausbeute der Northeimer Kreisarchäologin Petra Lönne und die erkannte in dem Altmetall sofort die Reste einer Hipposandale. Mit solchen Metallschuhen schützten römische Pioniere die Hufe ihrer Transportpferde.

 “Wir sind auf den Berg gegangen und wir hatten eigentlich gar nichts gefunden, bis auf das, was man so findet im Wald: Schrott, Bierdeckel, Dosenlaschen und Patronenhülsen. Und dann wollten wir eigentlich schon zurückgehen und dann sah ich diesen auffälligen Hügel. Und ich bin dann noch mal zu diesem Hügel gegangen und ich habe auch gleich eine Speerspitze gefunden. Und dann haben wir gerätselt: Was kann das sein?”

Winfried Schütte

Römer im Harz? Wie mochten die Fundstücke in das Waldstück gekommen? Eine erste Prospektion der Fundstelle sorgte für die nächste Überraschung. Auf einer Fläche von einem Quadratkilometer war die Funddichte so hoch, dass es keinen Zweifel geben konnte. Die Archäologen befanden sich mitten in einer antiken Kampfzone. Doch wer hatte hier gekämpft und vor Allem: Wann fand diese Schlacht statt?

Fachleute wurden hinzugezogen, unter ihnen Günther Moosbauer. Der Osnabrücker Archäologieprofessor ist Spezialist für die Provinzen des römischen Reiches. Radiokarbondatierung, Münzfunde, sowie die Inschrift auf einer Dolabra, einer Pionieraxt, führten dann zu der eigentlichen Sensation: Die Schlacht am Harz muss im Jahr 235 stattgefunden haben, genau 226 Jahre nach der Varus-Schlacht. Das Legionszeichen auf der Pionieraxt verweist auf eine Einheit des Maximinus Thrax. Der war nach einem Putsch 235 gerade zum Kaiser ernannt worden und kurz darauf mit seinen Truppen von Mainz aus in den Norden gezogen, das behaupten wenigstens historische Quellen. Die ersten Beweise für diesen Feldzug 226 Jahre nach der Varus-Schlacht liefern jetzt die Funde vom Harzhorn, so der Name des Fundorts bei Northeim.

 “Wir finden eine wunderschöne römische Speerspitze, dreiflügelige Pfeilspitzen, also römische Pfeilspitzen, verirrte Katapultbolzen von dem Beschuss aus Norden und vor allen Dingen haben wir eine ganze Menge römischer Schuhnägel.”

Prof. Dr. Prof. Michael Meyer, Ur- und Frühgeschichtler an der FU Berlin

Mythos Varus-Schlacht

 Die für die Römer verheerende Varus-Schlacht, bei der 15 bis 20.000 Legionäre von einem germanischen Heer getötet wurden, galt bisher als Zäsur in der römisch-germanischen Besatzergeschichte. Nach der Schlacht im Jahr 9 nach Christus sollen die Römer sich nur noch selten in das Land jenseits des Limes getraut haben. Das wird auch heute noch gern behauptet. Die Niederlage des Quinctilius Varus gehört zu den großen deutschen Geschichtsmythen. Opern, Dramen, Hermannsdenkmäler stilisieren die Schlacht zur siegreichen Wende im Freiheitskampf der von Rom unterdrückten Germanen. Dass 226 Jahre später ein bis zu 20.000 Mann starkes römisches Heer durch Germanien gezogen ist, lässt die Spätfolgen der blutigen Schlacht in anderem Licht erscheinen. Auch über 200 Jahre später, konnten die Germanen offenbar wenig der römischen Kriegsmaschine entgegensetzen.

Seit 2010 gräbt die FU Berlin unter Leitung des Ur- und Frühgeschichtlers Prof. Michael Meyer das Schlachtfeld bei Northeim aus. Die Ausgrabung am Harzhorn ist für die deutsche Archäologie ein Pilotprojekt. Michael Meyer: „Wir stehen hier auch methodisch ganz am Anfang, weil es sehr wenig Erfahrungen gibt, wie man antike, prähistorische Schlachtfelder ausgräbt.“ So fließen die Ergebnisse geologischer Bodenanalysen, Geländescans und Erkenntnisse von Paleobiologen genauso in die Arbeit der Ausgräber ein, wie die Hinweise von Militärstrategen.

 “Wir haben verschiedene Archäologien: prähistorische Archäologie und provinzialrömische Archäologie. Dann ist die alte Geschichte natürlich ganz wichtig, Numismatik – die Münzkunde. Für uns ist auch die Bodenkunde zentral – Geologie, Geographie und Botanik natürlich auch. Dann gibt es Methoden, mit denen wir hier auch mehr über die Objekte kennenlernen, die Metallzusammensetzung z.B. bei den Waffen. Und wir reden natürlich auch mit Offizieren der Bundeswehr: Wie guckt ein Militärstratege auf das Harzhorn?”

Prof. Dr. Prof. Michael Meyer, Ur- und Frühgeschichtler an der FU Berlin

Archäologie als Polizeiarbeit

Mit der Spur der zu Hunderten verlorenen römischen Sandalennägel werden Bewegungsprofile angelegt. Aus dem Einschlagswinkel und der Richtung von Pfeilen und Katapultbolzen ermitteln die Forscher die Lage der, aus denen der Angriff geführt wurde. Archäologie als Polizeiarbeit. Die Spur der Indizien führt die Ausgräber immer tiefer in das Geheimnis eine Epoche, das hier am Harzhorn langsam zutage gefördert wird – Sandalennagel um Sandalennagel.

Autor: Nicolaus Schröder
Redaktion: Nicole Ruchlak, BR2

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