Die Macht des Zufalls

Nanni Moretti stellt in München seinen neuen Film vor

Nanni Moretti ist heiser. Seit gestern gibt er Interviews. Jedes dauert länger als die angekündigte halbe Stunde. Im 50-Minutentakt werden Journalisten durch die Münchner Hotelsuite gelotst. Händeschütteln, Fragen, Antworten, Händeschütteln, ‚der nächste bitte!‘. Den zweiten Tag geht das jetzt so, die Mittagspause wird verschoben, immer weiter Journalist, um Journalist. Nur wenige Filmemacher unterziehen sich diesem Ritual mit so großer Bereitwilligkeit.

In DAS ZIMMER MEINES SOHNES spielt Nanni Moretti einen Analytiker. Giovanni heißt er, so wie es in Morettis Paß steht. “Ich bin natürlich der Hauptdarsteller und diese Figur besitzt viele Züge von mir.” Giovanni lebt mit seiner Familie in Ancona. Seine Frau Paola (Laura Morante) arbeitet in einem Buchverlag, ihre Kinder Irene (Jasmine Trinca) und Andrea (Giuseppe Sanfelice) sind 15 und 16 Jahre alt. Szenen eines ruhigen Bildungsbürgerlebens werden erzählt. Andrea hat Ärger in der Schule. In der Fossiliensammlung der Schule fehlt ein Exponat, er soll es gestohlen haben. Das sind die kleinen Dramen, die einer Familie widerfahren. Dann kommt der Sonntag, an dem Giovanni mit Andrea joggen will. Erst Sport und dann ein klärendes Gespräch zwischen Vater und Sohn, so hat Giovanni es sich vorgenommen. Dazu kommt es nicht. Ein Notfallpatient ruft den Analytiker zu sich nach Hause und Andrea geht mit Freunden tauchen. Er verunglückt tödlich. Danach ist nichts mehr so, wie es war. Familie, Beruf, das Leben, alles steht zur Disposition.

DAS ZIMMER MEINES SOHNES beschreibt eine existentielle Erfahrung. Die Verletzlichkeit des Glücks, der schmale Grat, der die Normalität von der Katastrophe trennt und die Unmöglichkeit, sich gegen so ein Unglück zu schützen sind das Thema dieses Films. Ein ungewöhnlicher Stoff für einen Regisseur, der bisher mit spöttischen, autobiographisch gefärbten Filmen, Leben und Träume der linken italienischen Bourgeoisie aufs Korn genommen hat.

Redselige Filme um eine analysestarke Hauptfigur hat Moretti bisher gemacht, jetzt ist sein Alter Ego gleich zum Analytiker geworden. Ähnelt die Arbeit eines Filmemachers der eines Analytikers? “Ein Psychoanalytiker braucht Anteilnahme, eine Empathie für seine Klienten und eine gewisse Distanz. Genauso muß ein Regisseur sich in seine Figuren hineinversetzen und ein Gefühl für die Geschichte entwickeln, die er erzählen will. Doch für die richtige Haltung braucht er ebenfalls Distanz. Gefühl allein reicht nicht aus.”

Jede Selbstreflexion scheitert in DAS ZIMMER MEINES SOHNES. Giovanni bekommt noch nicht einmal einen Brief hin, in dem er schreibt, “Andrea ist tot.”. Moretti: “Darum habe ich das Drehbuch überhaupt in Angriff genommen. Ich wollte untersuchen wie ein Psychoanalytiker, der täglich mit Schmerz konfrontiert wird, mit seinem eigenen Schmerz umgeht, wenn ihm das Schlimmste, was passieren kann, zustößt”.

Der heisere Moretti spricht mit langen Pausen. Manchmal streicht er sich durch den Bart, was bei ihm überhaupt nicht entspannt wirkt. Die Stimme klingt dann gepreßt und manchmal sieht es so aus, als hielte es ihn nur mit Mühe auf seinem Stuhl. In solchen Augenblicken wirkt das Hotelzimmer in seinem falschen Biedermeier wie eine kommode Gruft. Von oben ist der gedämpfte Lärm von Bauarbeiten zu hören, von draußen ein Lastwagen und drinnen geht es um das Schicksal, von dem in DAS ZIMMER MEINES SOHNES niemals die Rede ist. “Da ist noch etwas Schrecklicheres am Wirken, nämlich der Zufall und der ist noch viel schwieriger zu akzeptieren als das Schicksal.”, sagt Moretti und fällt in eine Pause. “Wäre ja auch komisch, wenn ausgerechnet ein Analytiker vom Schicksal spricht.”, setzt er noch.

Aber gibt es nicht Situationen, in denen man sich belügen muß, um überhaupt weiterleben zu können, in denen man das Schicksal bemüht, um die Banalität des Zufalls ertragen zu können? “In diesem Sinn sucht der Film genauso wenig nach Trost wie seine Figuren. Er bietet auch keinen Trost. Hier habe ich eine sehr radikale Einstellung. Ich bin eben nicht gläubig und das sind auch die Hauptfiguren in diesem Film nicht.”

In DAS ZIMMER MEINES SOHNES dekliniert Moretti die Macht des Zufalls durch bis zuletzt. Wir sehen Paola, der im Gedränge die Handtasche weggerissen wird oder Irene, die mit ihrem Mofa ein waghalsiges Manöver fährt. Tagtäglich sind wir in Situationen verwickelt, die sich zu Katastrophen steigern können. Der möglichen Gefahr werden wir uns meistens gar nicht erst bewußt – zum Glück. Für Giovanni, der sich immer wieder ausmalt, was passiert wäre, wenn er seinen Patienten vertröstet hätte, um mit Andrea zu joggen, wird die Macht des Zufalls zu einer fixen Idee. Er hätte ihn retten können, weiß Giovanni, wenn sie zusammen gelaufen wären. Hinter dem Selbstvorwurf schimmert die Egomanie dieses Giovanni auf, der sich in seinem Schmerz nur noch um sich selbst zu drehen scheint, der seine Familie so wenig wahrnimmt, wie seine Patienten.

Mit der Ankunft einer Urlaubsbekanntschaft Andreas beginnt sich die Verstrickung zu lösen. Arianna (Sofia Vigliar) hat Briefe von Andrea und sie möchte sein Zimmer sehen, das sie nur von Fotos kennt. Durch Arianna lernt Giovanni eine Seite Andreas kennen, auf die er keinen Einfluß hatte, von deren Existenz er nicht einmal etwas ahnte. Das Erkennen dieser Autonomie ermöglicht den Abschied vom Sohn. Moretti erzählt dies ohne den dozierenden Ton seiner früheren Filme. Hier reflektieren die Figuren nicht, sie handeln oder versuchen es zumindest. Moretti: “Angesichts eines so starken Schmerzes verblassen alle Theorien.”

Als Schauspieler gelangt Nanni Moretti in diesem Film an seine Grenze und genau das macht seine Darstellung so glaubwürdig. Giovanni ist einer, der für seinen Schmerz genauso wenig einen Ausdruck findet, wie für übermütige Freude. Nachts allein auf dem Jahrmarkt in der Riesenschaukel oder beim Joggen muß er sich Verausgaben, um seinen Körper wieder zu spüren. Ähnlich ergeht es dem Schauspieler Moretti. Nichts geht mehr, er grimassiert, preßt, ringt um Ausdruck. Doch gerade seine Scheu vor Entblößung paßt zur Figur des Giovanni, der in Tränen ausbrechen möchte und doch noch nicht einmal einen befreienden Schluchzer hinbekommt.

Moretti hat sich diesen Giovanni genauso auf den Leib geschrieben wie den spöttischen Michele Apichella, den er seit IO SONO UN AUTARCHIO (ICH BIN EIN AUTAKIST, 1976) jahrelang in seinen Filmen verkörperte, und all die anderen Hauptfiguren mit ihren autobiographischen Bezügen. Doch Spott, Selbstironie und Distanzierung greifen diesmal nicht. Giovanni, der Held aus Morettis ersten, konventionellen Spielfilm, kommt seinem Autor näher als alle seine Vorgänger.

In Cannes wurde DAS ZIMMER MEINES SOHNES mit der goldenen Palme ausgezeichnet. Das ist der größte Erfolg in der Karriere des Regisseurs, Autors, Hauptdarstellers und Produzenten Moretti. Schreiben, Inszenieren, Spielen “für mich waren diese drei Aufgabengebiete immer miteinander verflochten”, sagt Moretti. “Es macht zwar mehr Mühe und mehr Arbeit, wenn man auch spielen muß, aber meine Filme waren immer so angelegt. Das hat seit meinen ersten Super 8-Filmen immer zu mir gehört.” Die Preisvergabe darf als Auszeichnung für einen der letzten handgemachten Filme verstanden werden. Ein Autorenfilm von einem bei der Verabschiedung mit wachsender Heiserkeit kämpfenden Mann, der in dem Hotelzimmer schon den nächsten Journalisten erwartet, mit dem er über familiäre Katastrophen, das Glück und das europäische Kino sprechen wird.

© Nicolaus Schröder, TIP 2001