Die Skater vom Alex

Opposition auf Rollen

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Wie die Skateboards die DDR eroberten erzählt Marten Persiel in einem Film, der einen ganz neuen Blick auf Subkultur und Opposition in der DDR erlaubt.

Weltniveau – darunter machte es die offizielle DDR nie. Staat, Partei und Produktion befanden sich im permanenten Leistungsvergleich mit dem Rest der Welt. Bestehen konnten sie in diesem Wettkampf selten und es ist eine schöne Volte, dass ausgerechnet die subkulturellen Szenen im Arbeiter- und Bauernstaat wirklich Weltniveau erlangten. Schon lange vor der Wiedervereinigung hatten sich die verfolgten Punker, Jazzer, Maler, Literaten und Filmemacher mit ihrem Koordinatensystem jenseits der Mauer verortet. Sie waren tatsächlich international und nichts konnte sie in die kleine umzäunte DDR-Welt zurückbringen. Wie lässig das Leben down under DDR manchmal sein konnte, zeigt jetzt ein Dokumentarfilm, dem Ostalgie und Stasigeraune vollkommen fremd sind. THIS AIN’T CALIFORNIA erzählt von den Skatern und ihrem Betonspielplatz Berlin.

WDR5

Betonspielplatz Berlin – so liebevoll bezeichnet der Skater Niko dieses Ostberlin. Er und seine Kumpels hätten damals verstanden, dass sie „nicht am Rand vom Osten sondern mitten in Europa“ gewohnt hätten, „umgeben von einer ganzen Generation von Leuten, die genau so ticken wie wir.“ Der Satz fällt in Zusammenhang mit einem grandiosen Event in Prag, zu dem die Skater vom Ostberliner Alexanderplatz 1987 gereist sind. Hier verbrachten sie ein paar Tage mit Mark Gonzales, dem Star des Thrasher Magazine aus San Francisco, Skatern aus Dänemark, Holland, Frankreich. Die Rückfahrt im Zug empfanden die Ost-Skater damals nicht als deprimierende Rückkehr in den Mief der DDR, sondern als Heimkehr in ein Land, auf das sie mit einem Mal stolz waren, „hatten wir nie gedacht, dass so ’ne Gefühle möglich sind“, wundert sich Niko noch heute.

Dieser lakonische Swing macht THIS AIN’T CALIFORNIA so besonders. Hier die Guten, da die Bösen, knarzende Moral und einfache Erklärung fehlen. Marten Persiel ist der Regisseur des Films. Er ist ein Skater, einer, dem man das schon ansieht, wenn er durch die Tür kommt. Durchtrainiert und auf unauffällige Art zerschunden, mit verwachsenen, kaum sichtbaren Narben, sieht er einen mit prüfendem Blick an, als wollte er kurz abschätzen, ob man auch nur ein paar Sekunden auf dem Board stehen könnte. Er sagt dann Sätze wie „Ich glaube eine Sache, die ’nen Skaterblick auf die Welt auszeichnet, ist, dass Du sie als einen Spielplatz wahrnimmst.“ Für Marten Persiel ist Skaten eine Philosophie, was er so natürlich nie sagen würde, weil das richtig kniesteif klingt. Skaten ist kein Protest, sagt einer im Film, sondern ein Weg, sich etwas Kindliches zu bewahren. Marten Persiel ist wie seine Protagonisten Ende 30, sein Film erzählt nicht nur von der vergangenen Jugend, sondern vor allem von dem Lebensgefühl, das seine Generation noch heute vorantreibt, egal ob sie nun aus dem Osten kommt oder wie er, aus dem Westen.

Eigentlich ist THIS AIN’T CALIFORNIA jedoch ein Melodram. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Denis. Er war der wildeste Skater vom Alex, wurde irgendwann nur noch Panik genannt, weil die bei Unvorbereiteten zweifellos ausbrechen musste, wenn er in der Nähe war. Vom Vater als Schüler in den Schwimmkader gedrillt, rebelliert, am Vater fast zerbrochen, taucht Dennis bei seinem Freund Niko auf, der mittlerweile mit Mutter in Ostberlin lebt. In der Szene am Alex wird er zum Fixstern, um den sich der Skater-Kosmos dreht. Seine Regelverletzungen und Provokationen werden immer wilder, schließlich landet Denis im Knast, dann fällt die Mauer. Mit der Wiedervereinigung verliert sich die Szene aus den Augen. Dass Denis sich später bei der Bundeswehr verpflichtete und 2010 in Afghanistan erschossen wurde, haben die Freunde erst erfahren, als sie sich bei seiner Beerdigung wiedersehen.

Keinem Spielfilm würde man so eine Geschichte abnehmen, melodramatischer Kitsch mit Bundeswehr. „Das Leben schreibt ja manchmal wirklich dramatischere Geschichten, als man sich beim Drehbuchschreiben trauen würde“, meint auch Persiel, „ich hab mir eigentlich nichts ausgedacht.“ Sicher hätte er pointiert und dort wo er nur wenig Konkretes erfahren konnte, mit einer stärker fiktionalen Erzählung dramatisiert. Aber diese, als Cartoon eingeführte Ebene, ist als Fiktion auch zu erkennen. Zu diesem Ansatz passt der aufwändig gemischte Dolby Ton und die Musik. Von Alphaville, Feeling B, Anne Clark über Die Ärzte und Sonnenstudio bis zu Troy von Balthazar reicht die Liste im Abspann. „Ich hab mit Ton und Bild versucht, die Geschichte in eine Teenagerweltsicht zu übersetzen und da ist einfach immer was los“ sagt Marten Persiel und meint das nicht als Entschuldigung. Mit Direct Cinema, schartigem O-Ton und teilnehmender Beobachtung hat sein Film jedenfalls nichts zu tun. So viel Musik, Sounds und akustischer Spielkram war selten. „Wenn der Film gut ankommt, wär’ doch mal was“, meint er zum Abschluss. Verdient hat es THIS AIN’T CALIFORNIA auf jeden Fall.Skater_Alex

SZENE Hamburg, August 2012