Der Westen leuchtet

Die Geschichte der Berliner Grenzkinos
TIP17.2011

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Ost gegen West, die freie Welt gegen den Bolschewismus, befreite Arbeiter und Bauern gegen Junker und Revanchisten – darunter ging es nicht, schon gar nicht im Berliner Kino der 50er Jahre. Damit die „Besucher aus der Irredenta“, wie der Tagesspiegel das Ostpublikum 1950 bezeichnete, endlich einmal ohne „die ideologische Brille“ am westdeutschen Filmwunder teilhaben konnte, boten die Kinos im ost-westberliner Grenzgebiet ab 1950 Programme mit ermäßigtem Eintritt an. Der Kinomacher Andreas Döhler hat sich jetzt daran gemacht, die Geschichte dieser durch und durch westberliner Erfindung zu recherchieren.

ALADIN, GABRIELA, LIDO, STELLA, VALENCIA – allein die Kinonamen beamen einen zurück in eine Zeit mit Platzanweiserin, Wochenschau und Kulturfilm. „Wobei LIDO klassisch wirklich nur die Abkürzung für Lichtspiele des Ostens war“, erläutert Döhler, der mit seiner Arbeit für Kinos wie EISZEIT und CENTRAL selbst in einer ganz anderen Berliner Kinotradition steht. Auf die Grenzkinos ist Döhler durch das LIDO in der Curvystraße gekommen, einem der letzten erhaltenen Grenzkino, das jetzt zum zentralen Ort seines Projekts wurde.

Die offizielle Geschichte der Grenzkinos beginnt mit Oscar Martay. Der Filmoffizier der amerikanische High Commission for Occupied Germany, der schon die Berlinale initiierte, wird für die Idee verantwortlich gemacht, die Werte der freien Welt im Osten auch außerhalb der Filmfestspiele mit einem attraktiven Kinoprogramm publik zu machen. Andreas Döhler ist es zu verdanken, dass jetzt auch der Einflüsterer des Propagandaoffiziers bekannt ist. Nach Döhler war das die westberliner Kinoinstitution Friedrich Wilhelm Foss, der schon 1947 in der ostberliner Friedrichstraße das ALADIN wiedereröffnet und ab 1948 in Westberlin mit den TAGESLICHTSPIELEN CAMERA am Podsdamer Platz Kino gemacht hatte. Bei seiner Programmgestaltung war Ost-West-Unternehmer Foss ausgesprochen pragmatisch. Was er im ALADIN nicht spielen konnte zeigte er in der CAMERA und weil das genau die Filme waren, die sein Ostpublikum sehen wollte, lief das CAMERA bald besser, als das schöner ausgestattete ALADIN. Dass Foss am Potsdamer Platz ein zweites ALADIN aufmachte und sich seine Programme kurz darauf subventionieren ließ, war ein Verhaltensmuster, das für westberliner Kulturinstitutionen bis in die 90er Jahre typisch war. Irgendwo gab es immer einen Topf, der Fördergelder für die Frontstadtkultur bereit hielt.

In der Folgezeit waren Foss und Martay ein Team, wenn es galt die Grenzkino-Idee zu verteidigen. Denn Kritik gab es reichlich. Erst waren es die für Ostberliner günstigen Eintrittspreise, die das Westberliner Publikum erbitterte, das sowieso höhere Eintrittspreise zahlen musste als in Westdeutschland. Offiziell wurde das mit höheren Verleihmieten und größerem Konkurrenzdruck begründet, die nach westberliner Marktlogik die Preise in die Höhe treiben würden. Zweites Ärgernis war die Qualität des Filmprogramms, weil schlecht gelaunte Kritiker nicht an die demokratiefördernde Wirkung von Filmen wie DIESER MANN GEHÖRT MIR, DIE STIMME DES HERZENS oder DIE BLAUEN SCHWERTER glauben mochten. Tatsächlich waren die Grenzkinos B-Picture-Oasen. Denn neben Heimatfilmen und UFA-Schnulzen gab es immer wieder auch klassische Western, Film Noir und Musikfilme zu sehen, die das Publikum begeisterten. „Die WIENER LICHTSPIELE sollen nach dem Bill Haley-Film „ROCK ARROUD THE CLOCK – AUSSER RAND UND BAND vom Publikum wirklich vollkommen auseinandergenommen worden sein“, hat Andreas Döhler von Zeitzeugen erfahren, die er im Laufe seiner Arbeit kennengelernt hat.

Mit dem Mauerbau in der Nacht vom 12. Auf den 13. August 1961 endete die Geschichte des Frontstadtkinos abrupt. Im LIDO lief an diesem Abend der Götz George-Film DER TEUFEL MIT DER BALALAIKA (Leopold Lahola, BRD 1961). Danach war Schluss.

© Nicolaus Schröder, TIP 2011