“Oh Gott, ein Student”

Jörg Schüttauf in BERLIN IS IN GERMANY
JSchuetthauf

“Marseille, das ist Frankreich!” Wo kommt einer her, der so eine Erkenntnis mit der Zufriedenheit eines Klempners ausspricht, der gerade die undichte Stelle am Wasserrohr gefunden hat? So ein Satz gehört zu Martin Schulz wie sein Blick, bei dem sich Staunen und Zuversicht die Waage halten. Wer so guckt und so was herausbringt kommt von weit her. In Jeans und Sweatshirt wirkt er klein, kompakt und so echt wie sein Satz: Marseille, das ist Frankreich!
Jörg Schüttauf spielt diesen Martin Schulz und er macht BERLIN IS IN GERMANY zum Ereignis. Schüttauf, das ist ein Ostberliner Harvey Keitel, ein physischer Schauspieler mit unglaublicher Präsenz, der sich eine Sensibilität für Zwischentöne und Nuancen bewahrt hat, wie sie im deutschen Kino unauffindbar ist. BERLIN IS IN GERMANY ist sein Film.

Erzählt wird die Geschichte von Martin Schulz, der in der DDR zu lebenslanger Haft verurteilt und elf Jahre später ins wiedervereinigte Deutschland entlassen wird. Nicht das Zurechtfinden in Freiheit, sondern die Ankunft in einem anderen Gesellschaftssystem, mit anderen Werten, Codes und Tabus machen Martin zu einem Ankömmling aus einer anderen Welt. Was war ist nicht nur Vergangenheit, sondern es ist gleich spurlos verschwunden. Keine Mauer trennt den Osten vom Westen, wirklich alles ist anders, nur Marseille liegt immer noch in Frankreich.
In der DFFB-Kantine im schicken Filmhaus am Potsdamer Platz haben wir uns verabredet. Das ist der richtige Ort für ein Gespräch über diesen Film. Die großkotzige Geste des neuen Berlins und der Geruch von Sauerkraut und Schweinebraten ergeben das Amalgam, aus dem auch BERLIN IS IN GERMANY seine dokumentarische Kraft zieht. Den letzten Tisch am Fenster hat sich Jörg Schüttauf ausgesucht, “das ist so eine gemütliche Ecke”, sagt er in die Aufgeräumtheit der großen Glasfront hinein, durch die man einen Blick auf die aus dieser Nähe gar nicht mehr filigrane Dachkonstruktion des Sony-Centers hat.

Der Regisseur Hannes Stöhr setzt sich zu uns. Dies ist sein erster Spielfilm. Auf den Festivals der vergangenen Monate war sein DFFB-Abschlußfilm ein großer Publikumserfolg. Das erzählt er noch bevor es losgeht. Besonders gern erinnert sich Stöhr an die Vorstellung in Jerusalem, bei der ein alter Mann im Publikum gleich auf den literarischen Bezug hinwies. Wie Martin über den Alex geht, würde er ihn an Franz Biberkopf aus Döblins “Berlin Alexanderplatz” erinnern. “So was erlebt man nur im Ausland”, schwärmt Stöhr während Schüttauf sorgfältig den Rest aus seinem Joghurtbecher schabt und zu dem Sauerkrautensemble guckt, das ein Herr im Tweedjackett gerade vor sich hinstellt.
Eine Mitarbeiterin der Freien Hilfe e.V. aus der Brunnenstraße hat Stöhr 1997 auf die Idee zu BERLIN IS IN GERMANY gebracht. Es gab anfangs eine Drehbuchfassung nach einem authentischen Fall. Aber davon ist Stöhr abgekommen. “Wie kann man im Kino einem authentischen Fall gerecht werden? Da ist es mir lieber man sagt, das ist ein Märchen und der Zuschauer spürt, daß darunter viel Wahres liegt.” Das mit dem Märchen ist eine Erklärung, der man die Kritik der Kommilitonen anzuhören glaubt, die Stöhr an seinem Diplomfilm das Happyend genauso vorgehalten haben mögen, wie sie sich über den vermeintlichen Kitsch in Vittorio de Sicas FAHRRADDIEBE erregen könnten.

Stöhrs Umgang mit großen Vorbildern ist sehr entspannt. Viel trägt dazu die Filmmusik von Florian Appl bei, die mal an Ennio Moricone erinnert, um sich bei einer Szene, in der sich Martin und sein Kumpel Peter erfolglos um Jobs bemühen, an Hanns Eislers Kompositionen für KUHLE WAMPE anzulehnen, bis Streicher und Flöte den Kuß zum Happyend untermalen. Bei allem Bemühen um Authentizität wollte Stöhr kein Sozialdrama abliefern. Vielmehr soll der Film zeigen, was sein Regisseur alles kann.

Dabei ist Stöhrs Abschlußfilm formal erstaunlich streng, meidet zu Beginn Naheinstellungen von Martin und läßt ihn in weiten Totalen durch eine Welt gehen, die er für sich noch entdecken muß. Die Kamera schleimt sich nicht an, die Subjektiven aus Martins Perspektive sind schüchterne Annäherungsversuche an eine Figur, die wir erst allmählich kennenlernen sollen. Zu den formalen Höhepunkten gehören die ersten Filmminuten, in der eine Montagesequenz nicht nur die Hauptfigur mit ihrer Geschichte einführt, sondern die schon viel von der Mentalität dieses Martin Schulz verrät, wenn sie, ganz und gar unchronologisch hin- und herspringt zwischen der Entlassungszeremonie und Martins anschließender Reise vom Brandenburger Knast nach Berlin. Stöhr gerät diese Zugfahrt zu einer Reise ins Licht, bei der die Sonne übermütig scheint, während der Gefängnisalltag in blaustichiger Dunkelheit erstarrt. So symbolsatte Bilder erdrücken jeden Schauspieler. Nicht so Jörg Schüttauf. Dieser Martin Schulz genießt die Sonne, erinnert sich an das was war, aber eigentlich denkt er gar nichts, sondern er guckt und wartet, was passiert.
“Das kannst Du Dir als Schauspieler nur erlauben, wenn du der Geschichte vertraust und wenn Du damit was anfangen kannst.”, sagt Schüttauf. “Du weißt wie das ist, wenn jemand abhauen will, wenn jemand sein Kind wiedersehen will und es nicht kann. Du kennst diese ganzen Gerüche von früher, du kannst dir vorstellen, wie das ist, wenn jemand das zum ersten Mal wieder riecht.”

Daß er die Figuren “dem Leben irgendwie abgeschrieben” habe, wiederholt Hannes Stöhr jetzt zum zweiten Mal. Die drei wichtigsten Dinge beim Film wären das Buch, das Buch und das Buch, das hätte schon Billy Wilder gewußt, sagt er. “Das beste Bild für eine gute Geschichte kommt aber immer noch von Hemingway. Eine gute Geschichte ist wie ein Eisberg ein Siebtel ist sichtbar, sechs Siebtel sind unter der Oberfläche. Man muß also”, schiebt Stöhr als Interpretation nach, “bei einer Geschichte sechs Siebtel wegstreichen, dann wird es nicht so platt.” Jörg Schüttauf wirft seinem Regisseur einen anerkennenden Blick zu, freundlich, ein Martin-Blick.
Im Fernsehen ist Schüttauf ein Star und hat neben zahlreichen Fernsehspielen bei DER FAHNDER, POLIZEIRUF 110, BELLA BLOCK und TRAUMSCHIFF-Folgen mitgespielt, der HR hat ihn jetzt als TATORT-Ermittler besetzt. Sehnt man sich als Schauspieler nach einer Kinorolle wie dieser? “Ach, danach lese ich die Bücher nie. Ich guck´in den Kalender und sage ‚da hätte ich Zeit‘. Ganz ehrlich, ich habe aber auch gedacht, ‚oh Gott, ein Student, pui, das kann ne ganz schön harte Zeit werden.”

So einer wie Jörg Schüttauf wäre im amerikanischen Kino ein Actionstar, wäre das eine Traumrolle? “Ich, die Welt retten? In meiner Karriere habe ich die Welt bestimmt schon drei Mal vor dem Untergang gerettet. Alles für Pro 7, RTL, SAT 1. Ich habe aber auch schon zehn Mal auf der anderen Seite gestanden und am Weltuntergang gearbeitet. Ich bin vielseitig einsetzbar. Nee, aber so als Trapper im Wald, das wär´ ne schöne Nummer.” Im Kino ist die Zeit der Trapper vorbei. Aber irgendwie kann man ihn sich in Wildlederhemd, mit Bärenfellkappe und doppelläufiger Flinte gut vorstellen. Abends am Lagerfeuer würde er dann sagen, “Marseille, das ist Frankreich” und gedankenverloren in der Glut herumstochern.