Krieg der Träume

Hörfunkserie in vier Episoden
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Ende 1918 stürzen Revolutionen erstarrte Monarchien. Neue Republiken treten die Nachfolge von Zarenreich, k.u.k. Monarchie und Wilhelminischem Kaiserreich an. Sechzehn europäische Nationen geben sich im Jahr 1919 eine Verfassung. Neue Demokratien entstehen – und drohen wieder unter zu gehen. Im Machtvakuum prallen Weltanschauungen und Ideologien aufeinander. Linke, Faschisten, Reaktionäre und Liberale kämpfen um die Herrschaft, auch mit Gewalt. Zwanzig Jahre später sind die meisten Staaten Süd-, Mittel- und Osteuropas in eine autoritäre Staatsform übergegangen.

In Briefen und Selbstzeugnissen erzählen Zeitzeugen von ihren Hoffnungen, Befürchtungen und ihrem Alltag in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Demokratie, die wir heute für den Kern unserer Identität als Europäer halten, scheitert nur zwanzig Jahre nach ihrer Geburt.

Wie und warum sich Europa zwischen 1918 und 1939 so sehr verändert, dass Diktatur, gewaltsame Ausgrenzung von Minderheiten und sogar ein neuer Krieg möglich sind, wird zum roten Faden der Erzählung von KRIEG DER TRÄUME, der elf europäische Biografien zu Grunde liegen.

KRIEG DER TRÄUME knüpft an das Multimediaprojekt  14 – TAGEBÜCHER DES ERSTEN WELTKRIEGS an, für das wir 2014 die gleichnamige Hörfunkserie geschrieben haben. Wie damals unterstützt uns LOOKSfilm auch diesmal bei der Recherche der Quellen. Begleitend zum Film wird es eine von Prof. Dr. Monika Flacke (DHM) kuratierte Ausstellung, ein Web-Projekt und mehrere Buchveröffentlichungen geben. Das Projekt ist eine Ko-Produktion von LOOKSfilm, Les Films d’Ici, IRIS mit Fortis Imaginatio in Zusammenarbeit mit ARTE und SWR sowie NDR, WDR, RBB, ORF, CT, SVT, Toute l’histoire, BBC Alba, YLE, NRK, DR, LRT.

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1. Alles muss sich ändern 1919-22

Demokratie, Frieden und das Selbstbestimmungsrecht der Völker – das sind die Verheißungen am Ende des Ersten Weltkriegs. 1918 fordert ein großer Teil der Deutschen soziale Gerechtigkeit, politische Teilhabe und Selbstbestimmung – und endlich ein Ende der Herumkommandiererei und Unterdrückung. Das geht gegen die alten Eliten, die ihre Macht nicht abgeben wollen, oder gleich für die Rückkehr zur Monarchie kämpfen. Gesucht werden neue Regierungsformen, die Teilhabe und kulturelle Identität garantieren. Dabei stehen sich Demokratie, Kommunismus, Anarchismus und Faschismus gegenüber. Der Aufbau einer gerechten Welt, in der Frieden, Sicherheit und eine von der Mehrheit getragene Ordnung herrschen, ist eine große Aufgabe.

Protagonist*innen: Käte und Hermann Duncker– das Lehrerehepaar gehört zu den Mitbegründern des Spartakusbundes und erlebt die revolutionäre Aufbruchsstimmung im Deutschen Reich. Nguyen Ai Quoc aka Ho Chi Minh– reist nach Paris, als er vom »Selbstbestimmungsrecht der Völker« als einem Grundprinzip des Versailler Vertrages erfährt. Als selbsternannter Delegierter für die französische Kolonie Indochina will er eben dieses Recht einfordern. Silvio Crespi– italienischer Unternehmer ist bei den Versailler Verhandlungen Mitglied der italienischen Delegation und kämpft für ein modernes, geeintes und kapitalistisches Italien. Rudolf Höß– ist ein enttäuschter Kriegsheld, der sich um den verdienten Sieg betrogen sieht. Als er von den Konditionen des Versailler Vertrages hört, schließt sich der junge Mann einem paramilitärischen Freikorps an. May Picqueray– hat sich ihre Unabhängigkeit erkämpft und begegnet in Paris den anarchistischen Ideen, für die sie sich begeistert.

SWR2 (1/4)

2. Goldene Zeiten 1922-27

Die Zwanziger Jahre stehen für Übermut und Modernismus, eine Zeit, die später mit ihren sozialen und politischen Reformen, neuen Bildungschancen und Fortschritten in Technik, Medien und Kultur zum Labor des 20. Jahrhunderts erklärt wird. Die Großstadt bietet die größte Chance für die Verwirklichung neuer Lebensmodelle. Doch erweist sich die neue Freiheit schnell als Freiheit der Eliten. Millionen Menschen leben abgeschlossen in Mietskasernen und Elendsvierteln. Die Demokratie degradiert sie zu bloßen Zuschauern. Viele sehen in der Sowjetunion eine Perspektive. In der radikalen Abkehr von der Konsumgesellschaft und im Aufbau einer klassenlosen Gesellschaftsordnung sehen sie die Alternative. Doch die UdSSR taugt nicht als Sehnsuchtsort. Der Euphorie des Neuanfangs folgt die Aggression der Gegner auf dem Fuß. Auf Aktion folgt Reaktion.

Protagonist*innen: Käte und Hermann Duncker– werden in den Thüringer Landtag gewählt. Sie fordern Maßnahmen gegen Kinderarmut und engagieren sich für die Emanzipation der Frau. Ho Chi Minh– wird Mitglied der Kommunistischen Partei und ist ein gefragter Redner. Silvio Crespi– verspricht sich vom italienischen Faschismus eine Erneuerung der Gesellschaft, technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung. Rudolf Höß– glaubt an die neu entstandene NSDAP, wird für die Nazis zum Mörder und kommt ins Gefängnis. May Picqueray– reist als Delegierte der roten Gewerkschaftsinternationale nach Moskau, erlebt dort politische Säuberungen, ist schockiert vom Elend der Massen und streitet sich mit Leo Trotzki. Jessica und Unity Mitford– werden standesgemäß erzogen, aber eine wirkliche Bildung erhalten sie nicht. Jessica hinterfragt die Klassengesellschaft, Unity wird zum Enfant terrible.

SWR2 (2/4)

3. Aufbrüche 1927-31

Keine Barrikadenkämpfe und Revolten mehr, keine Ausnahmesituationen. Ende der 20er Jahre etablieren sich demokratische Strukturen, doch die politischen Gegner geben sich noch nicht geschlagen. In den Freiräumen, die entstehen wird an neuen Gesellschaftsmodellen gearbeitet, auch Kunst und Architektur ermöglichen ein anderes Leben. Von Emanzipation wird nicht mehr nur geredet, Frauenrechte werden jetzt umgesetzt. Und in den Kolonien in Südostasien beginnen Revolutionäre für die Selbstbestimmung zu kämpfen. Die Moderne ist da. Doch der Zustand ist labil, die Zukunft ungewiss.

Protagonist*innen: Käte Duncker – unterrichtet und hält politische Vorträge. Hermann Dunckerwird Leiter der Marxistischen Arbeiterschule, an der von Albert Einstein bis Walter Gropius die fortschrittlichsten Denker und Wissenschaftler unterrichten. Ho Chi Minh– taucht im chinesischen Kanton auf und wird endgültig zum Revolutionär. Rudolf Höß– kämpft ums Überleben seiner Familie und beginnt sich in Nazibünden zu radikalisieren. Elise Ottesen– ist schockiert vom Elend der Mütter. Die norwegische Anarchosyndikalistin beginnt in Schweden eine Kampagne zu Sexualaufklärung und Verhütung. May Picqueray– zieht sich von der politischen Bühne zurück, lebt jetzt in Südfrankreich und unterstützt die damaligen Politstars Emma Goldman und Sasha Berkman beim Verfassen ihrer Biografien. Jessica und Unity Mitford– wachsen in Großbritannien im Kreis ihrer exzentrischen Adelsfamilie heran, die große Teile ihres Besitzes und zunehmend an politischem und gesellschaftlichem Einfluss verliert.

SWR (3/4)

4. Ausgeträumt 1931-36

An die Demokratie als Gesellschaftsmodell der Zukunft glaubt außerhalb Frankreichs, Großbritanniens und der skandinavischen Nationen kaum noch jemand. Nach Italien sind auch im Deutschen Reich bald die Faschisten an der Macht. Sie zerschlagen den

gesellschaftlichen Fortschritt der Weimarer Republik. Die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens erstarren in politischer Reglosigkeit. Diktatur und gelenkte Staatswirtschaft – so sieht Zukunft Europas jetzt aus. Im Sommer 1936 hat sich in Europa eine neue Ordnung etabliert und der spanische Bürgerkrieg wird zum letzten Versuch der vereinten Linken gegen den europäischen Faschismus.

Protagonist*innen: Käte und Hermann Duncker– kämpfen gegen den Faschismus. 1933 wird Hermann Duncker verhaftet. Aus dem Gefängnis entlassen beginnt für beide 1936 die Emigration. Gustav Regler– ehemaliger Unternehmer, kehrt als Journalist und aufstrebender Autor nach Berlin zurück, muss kurz darauf emigrieren und nimmt am spanischen Bürgerkrieg teil. Rudolf Höß– begegnet 1932 Heinrich Himmler und tritt in die SS ein. Nur wenige Monate später fühlt er sich endlich als Sieger. Etwas später wird er Aufseher im KZ Dachau. Elise Ottesen– kämpft für die Emanzipation der Frau und setzt sich für eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs ein. May Picqueray– baut während des spanischen Bürgerkriegs das Comité d’Aide aux Enfants Espagnols auf und nimmt in Frankreich Kinder und Waisen der Kämpfer des spanischen Bürgerkriegs auf. Jessica und Unity Mitford– sind politische Feindinnen geworden. Unity gehört bald zur Entourage Hitlers und veröffentlicht im „Stürmer“ antisemitische Hetze. Jessica wird zur überzeugten Kommunistin und zieht in den spanischen Bürgerkrieg.

SWR2 (4/4)