Lebender Mythos

Jean-Luc Godard präsentiert in Berlin seinen neuen Film NOUVELLE VAGUE
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Gleich mit seinem ersten langen Film hat er bewiesen, dass er in der Lage ist, Filme mit einem Anfang und einem Ende, mit einer Geschichte und einer Struktur zu machen, an die sich das Publikum halten kann. Seither wird er als Kultregisseur gehandelt – ein Missverständnis, gegen das Jean-Luc Godard seit dem Erfolg von “Außer Atem” ankämpft. Seinen neuen Film “Nouvelle Vague” stellte der Regisseur in Berlin vor.

Szene Hamburg, 1990

Godard in Berlin

Von Nicolaus Schröder

Manche Regisseure werden gleich mit ihrem ersten Film unsterblich. ,,Außer Atem” von 1959 ist heute eine Legende. Bild für Bild ein Geniestreich, der mit souveräner Eleganz all das andeutet, was Jean-Luc Godard in den nächsten 30 Jahren veröffentlichen wird. Kein Film des einstigen Filmkritikers, der die Rezensenten nicht in heillose Verwirrung, Rat- und Sprachlosigkeit gestoßen hat. So ist es auch diesmal. Für ,,Nouvelle Vague”, seinen neuen Film, ist Godard extra nach Berlin gereist, vielleicht, um der versammelten Kritikerschar Beistand zu leisten, vielleicht aber auch nur, um seinen Produzenten einen Gefallen zu tun.

Zierlich, im Kamelhaarmantel, mit unvermeidlicher Caporal-Zigarette in der Mundmitte und sich charakteristisch sträubenden Haaren steht Jean-Luc Godard zwischen den Reisenden des Berliner Flughafens Tegel. Kaum einer nimmt Notiz von dem Mann mit der klassischen Hornbrille, der mit Interesse die Szenerie um sich herum betrachtet. Sie wird beherrscht von einer Jagdgesellschaft, die im adretten Lodenlook teuer-abgegriffenes Ledergepäck, Gewehrfutterale und Wanderstöcke mit Ledersitzen umständlich zusammenpackt  – wohlgenährte deutsche Bürgerlichkeit. Die Treibjagd ist zu Ende, die Trophäen werden nachgesandt.

Szenenwechsel. Früher war das ,Quartier Latin’ ein stilvoll heruntergekommener Musikladen. Heute nennt sich das Varieté in derPotsdamer Straße, direkt gegenüber von TIP und TAGESSPIEGEL , schlicht ,Quartier’. Stilvoll ist man geblieben, doch alles ist etwas schicker. Roter Plüsch, Tischchen mit kleinen Lampen und Telefon geben dem Saal ein Café Keese-Ambiente. Das Initial des Veranstaltungsortes dominiert die Bühne – ein ,Q’, das irgendwie nach Hammer und Sichel aussieht. Ein mittelmäßiges Schulfest mit dilettantischer Band wäre hier gut untergebracht. Heute ist dies der Ort für Godards Pressekonferenz. Das Fernsehen ist bereits da. Um die erste Reihe drängeln sich Kamerateams von SFB, WDR und DFF. Licht wird gesetzt, Mikrofone gerichtet. Godard ist Mittelpunkt einer Inszenierung der Medien.  Er kommt pünktlich in Begleitung der PR-Frau seines Filmverleihs und einer Produzentin. Für die Übersetzung ist der Schauspieler Hanns Zischler eingeladen worden.

Nachdem erste Blitzlichtsalven verraucht sind und allmählich Ruhe eingekehrt ist, blickt die Verleihfrau ins Publikum und bringt zwei Zitate des Meisters zum Vortrag. Den so Angesprochenen wird schnell klar, daß Unerhörtes zu erwarten ist, Godard, ein lebender Mythos, ist hinabgestiegen in die rote Plüscharena einer deutschen Stadt. Folgerichtig möchte die Kollegin vom RIAS gleich wissen, wie er mit der Verantwortung, ein Mythos zu sein, überhaupt leben könne. Godard ist höflich genug, die Antwort darauf viel später zu geben. Da sagt er, dass er, der früher Pressekonferenzen gehasst hätte, heute für Journalisten, die ihn so befragen müssten, jedoch Mitleid empfinde. Dieses Bekenntnis eines Schüchternen wird kaum wahrgenommen. Heute soll einer Kultfigur gehuldigt werden. Davon lässt sich keiner abbringen.

Die Fernsehteams haben sich eingeschossen. Während von Stativen aus die Szene durchgehend aufgezeichnet  wird, sind einzelne Medienarbeiter, die Kameras geschultert, unterwegs auf der Suche nach ausgefallenen Perspektiven. Leicht geduckt und mit schnellem Schritt, tauchen die Einzelkämpfer mal hinter Godard, mal neben ihm, mal ganz nah und dann wieder irgendwo im Schatten einer Saalecke auf und wieder unter. Ihre Ausbeute wird einen Beitrag garnieren, der aus einem Kurzverschnitt seines Films, ein paar O-Tönen und Interviewfetzen sowie einem erläuternden und in jedem Fall schlauen Kommentar bestehen wird.

„Film ist abgefilmtes Leben, der Abdruck eines Originals, das es nicht mehr gibt.” Gegen solche Sätze setzt Godard, der im Dezember seinen 60. Geburtstag  feiert, seit über 30 Jahren Filme. Er bedient sich aus der täglichen Bild-, Ton- und Informationsflut, verwendet Zitate aus Literatur, Musik, bildender Kunst und Naturwissenschaften. Triviales, Komplexes, Banales und Bedeutungsschweres trennt Godard aus dem ursprünglichen Kontext und setzt es neu zusarnmen. Die Collage aus Vorgefundenem und Nachgestelltem ergibt einen Film, der sich erst im Kopf des Zuschauers entfaltet. Godards Filme wirken immer unmittelbar. Der Eindruck, bei etwas zuzusehen, was andere längst erlebt haben, kann sich hier nicht einstellen. Die Erfahrung, das Wissen und die Phantasie des Zuschauers ermöglichen erst das Seherlebnis. Bei Godard ist das Publikum autonom und nicht wie sonst ein Pawlowscher Hund, dem Bild- und Tonbrocken vor die Sinne gehalten werden, bis der Speichel rinnt.

Die offene Form schafft Probleme. Verwirrung und Ratlosigkeit hat der neue Film bei einem Kollegen aus dem einstigen Arbeiter- und Bauernstaat verursacht. Ihm kommt alles beliebig vor. Wenn Verständlichkeit die Beziehung zwischen Bild und Ton meine, entgegnet Godard, dann sei ,,Nouvelle Vague” verständlich. ,,Wenn ich im Fernsehen Nachrichten sehe”, so der Regisseur, „verstehe ich überhaupt nichts. Ich sehe ein Kriegsschiff, gleichzeitig höre ich den Namen George Bush. Eigentlich müßte ich jetzt denken, daß George Bush der Name des Schiffs ist. Das ist doch ein sehr abstraktes Bild.” Mit einem ,,Habe ich Ihren Film richtig verstanden, wenn…” pirscht sich ein anderer heran, der dem, was er gesehen und gehört hat, nicht traut, der Führung braucht. Doch Godard verweigert sie.

Die Begeisterung, mit der das Aufspüren und Entschlüsseln versteckter Zitate betrieben wird, ist der händeringende Versuch, Hieb- und Stichfestes, vor allem Zitierfähiges mit nach Hause zu bringen. Der Widerspruch wird unübersehbar: hier ein Regisseur, der ein selbstbewusstes, der eigenen Wahrnehmung vertrauendes Publikum voraussetzt; dort seine  Kritiker, die gewohnt sind, ihr Publikum an die Hand zu nehmen, um ihm die Komplexität der Welt im allgemeinen und die der Kunst im speziellen darzulegen. Mit seinen Aussagen wird Godard instrumentalisiert gegen seine eigene Auffassung. Den Widerspruch meistert er mit Ironie: ,,Pressekonferenzen sind merkwürdige Veranstaltungen,  um über Filme zusprechen. Aber Verleiher sind immer der Meinung, daß es funktionieren könnte.”

Godard spricht mit  leiser Stimme. Er wählt seine Formulierungen mit Bedacht. Die Exkurse, die er immer wieder einfügt, ermöglichen neue Perspektiven. Das ist wie bei seinen Filmen. ,,Die Geschichte der Menschheit”, sagt Godard, ,,ist im Grunde genommen eine Geschichte der Kunst.” Jede Epoche würde zwei bis drei große Kunstwerke hervorbringen. Dabei sei Film die Kunstform, die alle anderen Künste integrieren könne. Der Regisseur, der jedes Jahr neue Filme und Videos veröffentlicht, ist überzeugt, daß höchstens zwei oder drei seiner Filme Bestand haben. Seine Bescheidenheit ist keine Koketterie. Dafür schätzt er den dänischen Regisseur Carl Theodor Dreyer (,,Le passion de Jeanne dArc”, 1928) zu sehr: ,,Der hat in seinem Leben sechs oder sieben Filme gedreht, und als das nicht mehr möglich war, hat er als Gerichtsreporter gearbeitet .” Die Pressekonferenz geht nicht ohne ein vom RIAS abgefordertes Statement zur Wiedervereinigung zu Ende. „Von der Chemie”, räsonniert Godard, „habe ich gelernt, daß jede Zelle davon träumt, zwei zu werden. Das ist ähnlich wie beim Menschen. Nur Staaten träumen davon, eins zu werden.”

Bei den anschließenden Fernsehinterviews lassen sich Unterschiede zwischen den einzelnen Sendern nur an der Wahl der Sitzordnung feststellen. Einzig der WDR fällt mit der Inszenierung einer entspannten Verhörsituation aus der Reihe: Godard, befeuert von allem, was der Lichtkoffer hergibt, sitzt auf einem Stuhl vor der Kamera; ein Journalist, um intimen Tonfall bemüht, befindet sich im Schatten der Scheinwerfer. Als auch das überstanden ist, geht der Regisseur mit der PR-Frau und der Produzentin zurück in Richtung Hotel.

Der Feierabendverkehr verstopft die Straßen, mit ohrenbetäubendem Lärm bahnt sich ein Feuerwehrauto durch das Chaos. Es ist ein Bild wie aus ,,Nouvelle Vague”: eine Großstadtstraße im Licht  der herbstlichen Abendsonne, eine Idylle, bei der auf der Tonspur schon wieder eine ganz andere Geschichte erzählt wird. Bild und Ton sind synchron, obwohl sie nicht zusammenpassen. In der Erinnerung bleibt eine Parallelmontage. Godard dreht sich noch einmal um. Heute abend wird er weitere Interviews geben. Dann bekommt  er Besuch von Wim Wenders. Über Kultfilme werden sich die beiden bestimmt nicht unterhalten, vielleicht aber über Geschäftliches. Am nächsten Morgen wird Godard nach Genf fliegen. Dort dreht er einen Werbespot für Nike-Turnschuhe.