Die Sitte geht ins Kino

Hollywood vor dem Hays-Code
Joan Blondell und Warren William in GOLD DIGGERS, Mervyn LeRoy 1933

Hollywood Babylon nannte Kenneth Anger 1959 seine Skandalchronik, in der er die spektakulärsten Skandale der Showbiz auflistete von A wie Arbuckle bis Z wie Zanuck.

Zum Glamour Hollywoods, gehörte immer auch der Abgrund aus Drogen, Sex, Verbrechen und die gruseligen Details aus der Yellowpress.  Ab 1934 sollte wenigstens auf der Leinwand der Hays-Code für Ordnung sorgen. Fortan setzte die freiwillige Selbstzensur der Hollywoodstudios alles auf den Index, was irgendwie fragwürdig erschien. Außerehelicher Sex, Promiskuität, Homosexualität gehörten selbstverständlich dazu und durften weder thematisiert noch angedeutet werden, selbst zu intensive Küsse waren tabu.

Es waren weniger die Skandale Stars, denen die Studios mit einer Zensur antworten wollten. Ökonomisches Kalkül war die eigentliche Ursache für die Einwilligung zur Selbstzensur. 1929 war der Tonfilm eingeführt worden. Studios und Kino mussten investieren, dann brach im Oktober 29 mit dem Schwarzen Freitag die Weltwirtschaftskrise aus. Depression, Arbeitslosigkeit, schwindende Kaufkraft, bankrotte Finanziers – wirtschaftlich ging in Hollywood bald nichts mehr. Große Studios wie die Paramount standen unmittelbar vor dem Konkurs. Was tun?

Hollywood reagierte so, wie es in Krisenzeiten immer reagiert hat – mit Opulenz, einem guten Gespür für Zeitströmungen, Mut, auf den Zeitgeist zu reagieren und unerschütterbarer Zuversicht: Lubitsch drehte Komödien, die in einer modernen Operettenwelt spielten, in der es keine ernsthaften Krisen geben konnte, sondern höchstens Menschen die verzagt in die Zukunft blickten. Krimis entstanden, in denen die Metropolen so verkommen und gefährlich aussahen, wie das Leben der Gangster glamourös und spannend. Filme, mit denen die Flucht aus dem Alltag gelang, ohne dass die Gegenwart verleugnet wurde. Hollywood at its best.

Armut, Verwahrlosung, Verbrechen, Prostitution waren mit einem mal filmtauglich. Doch der Einzug der Realität in die pappige Studiowelten passten nicht allen. Weder solche Rollenbilder noch die Themen, die jetzt im Kino verhandelt wurden, konnten Konservativen gefallen. Traditionelle Werte, Familie, Strebsamkeit und Tugendhaftigkeit, so was vermisste das konservative Amerika. Dass die frühen Tonfilme eigentlich genau dort weitermachten, wo der späte Stummfilm aufgehört hatte, konnte da kein Trost sein.

Das Kino als moralische Anstalt, das war es, was konservativen und vor allem klerikalen Kreisen vorschwebte. Dass Hollywood mit einer Reihe von Skandalen sowieso gerade eine schlechte Presse hatte und die katholische Kirche offen mit sonntäglichen Boykottaufforderungen von der Kanzel drohte, waren ideale Voraussetzungen für eine Zensurkampagne. Und eine Zensur war das letzte, was die wirtschaftlich angeschlagene Branche jetzt gebrauchen konnte.

Doch Hollywood hatte noch einen Ass im Ärmel: Will Hayes, ein ehemaliger Postminister, erzkonservativ, Republikaner, gut vernetzt und bezahlt von den Studios. Als Präsident der Motion Picture Association of America ließ er ein Regelwerk ausarbeiten, dem sich die Filmindustrie schon 1930 freiwillig unterwarf, um in Zukunft wenigstens vor der Zensur sicher zu sein. 1934 wurde der Code bindend für alle Filmstarts in den USA.

Mit 30 Filmen aus den letzten Jahren unmittelbar vor Inkrafttreten der Selbstzensur ermöglicht das Berliner Arsenal erstmals einen Blick auf seit Jahrzehnten verborgene Produktionen und zeigt überraschend gegenwärtig wirkende Filme, die einen Einblick in die großstädtischen Lebenswelten der USA der frühen 30er Jahre gewähren – Hollywood Babylon.

 

WDR5