Milch oder Beton

Braucht die Ukraine den neuen Tschernobyl-Sarkophag?
radioactive

Alles draußen oder alles noch drinnen – auch 26 Jahre nach dem Supergau in Tschernobyl sind sich die Fachleute keineswegs einig, was da unter den Trümmern in der Ukraine vor sich hinstrahlt. Ein hunderte Millionen teurer Sarkophag soll jetzt für Sicherheit sorgen.

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor IV des Kernkraftwerks Tschernobyl. Schon wenige Tage nach der Katastrophe gaben die sowjetischen Behörden Entwarnung: Trotz Explosion, Großfeuer und Gau seien lediglich drei Prozent des nuklearen Inventars ausgetreten, die restlichen 97 Prozent wären unter den Trümmern von Block IV begraben. 26 Jahre später ist es immer noch diese Prozentangaben, die genannt werden, wenn es um den Milliarden teuren Sarkophag geht, der in Zukunft die Umwelt vor den strahlenden Überresten Tschernobyls schützen soll.

Rund 200 Tonnen hochstrahlende Überreste sollen es sein, die irgendwo unter den Trümmern des 1986 eilig erbauten ersten Sarkophags verborgen sein sollen. Von einer unabhängigen Institution verifiziert wurden diese Angaben nie. Heute messen ukrainische, weißrussische und russische Subunternehmen die Strahlung. Für Gunther Pretsch von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit und Strahlenschutz, GRS, die sowohl die Bundesregierung als auch die ukrainische Regierung berät, gibt es keinen Zweifel an der Richtigkeit der Angaben.

Dabei gab es schon früh Zweifel an der 97 Prozent-Behauptung der sowjetischen Fachleute. Zu den populärsten Kritikern gehörte der ukrainische Physiker Wladimir Tschernoussenko. Er nahm ab 1986 als Wissenschaftler an den Aufräumungsarbeiten teil. 1994 antwortete er in einem Interview auf die Frage nach der im Reaktor verbliebenen Restmenge: „Nicht drei Prozent, sondern über 70 Prozent der Füllmenge des Reaktors sind ausgetreten. (…) Drei Prozent ist genau die Marge, die von der Atom-Mafia herausgegeben wird. (…) Solche Aussagen sollen die internationale Öffentlichkeit beruhigen.“ Tschernoussenko starb 1996 an den Folgen der Strahlenbelastung, der er 1986 in Tschernobyl ausgesetzt war.

Fest steht nur eins: Von den Brennstäben in Block IV fehlt jede Spur. Sie sind in dem einwöchigen Flammeninferno aufgegangen. Dabei wurden drei Prozent ihrer Strahlung, so die offizielle Annahme freigesetzt. Diese Strahlenmenge wird dafür verantwortlich gemacht, die gesamte Nordhalbkugel zum Teil hoch belastet zu haben, während die restlichen 97 Prozent als strahlende Lavamasse in der Kraftwerksruine versickerten. Als Lava oder in Wasser gelöst würde sich der ehemalige Brennstoff in den Tiefen der Ruine befinden, so Gunther Pretsch von der GRS.

Doch kann das überhaupt sein? Der russische Ingenieur Konstantin Tschetscherow hat in den 80er Jahren umfangreiche Strahlenmessungen in Tschernobyl durchgeführt und war dabei mehrfach in und unter dem zerstörten Reaktor, genau da, wo heute ein Großteil der geschmolzenen Brennstäbe vermutet wird. 2005 legte Tschetscherow die erste genaue (und von der russischen Akademie der Wissenschaft hochgelobte) Kartierung der Tschernobyl-Ruine vor, aus der sich die Lage und die Intensität der strahlenden Überreste ablesen lässt. Tschetscherow, der heute in Moskau lebt, ist sich sicher, dass mindestens 95 Prozent des ursprünglich vorhandenen Brennstoffs bei der Explosion ausgeworfen wurden und sich höchstens noch fünf Prozent verschmolzen in Schuttbergen nachweisen ließen. Die bestehenden Schutzmaßnahmen in Tschernobyl hält er für vollkommen ausreichend, den neuen Milliarden teuren zweiten Sarkophag hält er für überflüssig.

Wolfgang Renneberg, unter Jürgen Trittin Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, hält die Frage nach der Notwendigkeit einer neuen Schutzhülle für Tschernobyl für nicht relevant. „Die Argumentation der Kritiker des Sarkophags beinhaltet ja letztlich einen wirtschaftlichen Zusammenhang. Dieser besteht darin, dass Geld, das man für den Sarkophag braucht, lieber für andere Maßnahmen zur Verfügung zu stellen. (…) Ich halte das für keine Alternative. Stellen sie sich vor solch eine Ruine stände in Deutschland. Es gäbe überhaupt keine Diskussion darüber, dass (ein neuer Sarkophag) nicht notwendig wäre.“

Dabei sind die Probleme, die sich für Länder wie die Ukraine nach dem Reaktorunglück von 1986 ergaben, nach wie vor ungelöst. Große, längst wieder landwirtschaftlich genutzte Flächen, sind immer noch verstrahlt. Die Gesundheitssysteme von der Ukraine und Weissrussland sind mit den Folgen der Krankheiten, die durch die anhaltende Strahlenbelastung ausbrechen, heillos überfordert und die sozialen Folgekosten der Katastrophe übersteigen die Wirtschaftskraft dieser Länder bei Weitem. Substantielle Hilfe für die Region wird dringend gebraucht. Tobias Münchmeyer von Greenpeace: „Das einzige, was wirklich helfen würde, wäre wenn der Staat letztendlich mit Lieferwagen in diese betroffenen Städte und Gemeinden fahren würde und da saubere Milch und saubere Lebensmittel kostenlos abgeben würde. Das wäre der effektivste Schutz, weil eine Umsiedlung aus diesen Regionen sehr schwer umzusetzen wäre.“

Wieviel nukleares Material sich tatsächlich noch in der Kraftwerksruine von Tschernobyl befindet, ist ungewiss und mit dem Bau des neuen Sarkophags ist schon begonnen worden. Schaden wird die Milliardeninvestition nicht anrichten. Die neue Kuppel über dem zerstörten Meiler kann jedoch nur ein erster Schritt sein. Auf internationale Hilfe, besonders beim Gesundheitssystem und bei der Versorgung der Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln, werden Ukraine und Weissrussland noch viele Jahre angewiesen sein.

© Nicolaus Schröder, 2012, Bayern 2

Tschernobyl-Sarkophag, BR 2012

Der Tanz um das Goldene Grab, DLF 2011