Nie wieder Opfer

Martina Gedeck über Ulrich Wildgruber und die Zusammenarbeit mit den Regisseuren des Neuen Deutschen Kinos

Nicolaus Schröder: In einem Interview haben Sie einmal eine schöne Definition für eine Diva gegeben: „Eine Diva scheut den Blick in den Abgrund nicht, sie verkörpert ihn geradezu. Sie kann sich sogar darin aufhalten. Die klassische Diva ist in der Lage, Pathos zu verkörpern.“ Würden Sie sich als Diva bezeichnen?

Martina Gedeck: Ich glaube, ich bin auf dem Weg dahin, ich bin sehr interessiert. Die Abgründe aber auch Pathos sind für mich Innbegriffe, die zum Beruf des Schauspielers ganz elementar dazugehören. Ich weiß nicht, ob mir das je gelingen wird, ich weiß nicht, ob ich dafür gemacht bin oder ob ich dafür die Begabung habe, aber ich würde es mir wünschen.

In wie fern verkörpert eine Diva den Abgrund?

Abgründe oder Orte des Schreckens – das sehe ich eher als Bild, Worte treffen hier nicht richtig. Vielleicht geht es, um noch ein Bild zu benutzen, um die übermenschliche Kraft der Götter, die in einem Menschen geweckt wird. Der Mensch wird zum Medium, er drückt etwas Göttliches, etwas Großes aus, das sich uns vermittelt, ohne dass wir es genau benennen könnten. Es trifft uns jedoch ganz unmittelbar.

Ulrich Wildgruber war so ein Schauspieler. Im Theater konnten seine Auftritte dieses Schaudern auslösen, das man nicht recht beschreiben kann, einen aber ahnen lässt, dass gerade etwas Großes geschieht.

Uli Wildgruber war ein Genie. So etwas kann man nicht antrainieren, das muss man zulassen. Ein Künstler, der dies auszudrücken vermag, gefällt oft auch nicht. Er wird angefeindet, weil er Regeln verletzt, weil er frei ist.

Er war der Star zahlloser Zadek-Inszenierungen, trotzdem gibt es kaum Filme mit ihm.

Ich wüsste so viele Rollen, in denen er großartig gewesen wäre. Er hätte das Kino so unendlich bereichern können, wenn man ihn in seinem Genie einfach wahrgenommen, ihm einen Platz eingeräumt und ein Regisseur das auch ausgehalten und verstanden hätte. Beim Theater war das eben der Zadek, beim Film gab es eigentlich niemanden. Ja, wenn es einen wie Fassbinder gegeben hätte, oder Oskar Roehler ihn noch kennengelernt hätte. Das bedaure ich unendlich, dass man diesen Meister der Schauspielkunst nicht gebührlich verewigt hat.

Acht Jahre, bis zu seinem Tod, waren Sie mit Wildgruber zusammen. Erst in letzter Zeit sprechen Sie in Interviews von Wildgruber. Hat sich da etwas verändert?

Das kommt schon auf die Fragen an. Früher ging es in Interviews ja auch nie um die Kunst Ulrich Wildgrubers. Es ging immer um etwas anderes und darüber hatte und habe ich keine Lust zu sprechen. Aber heute habe ich manchmal das Bedürfnis, mich an seine Kunst zu erinnern. Er war ein Genie, einer der größten Schauspieler des 20. Jahrhunderts.

Den Erfolg, den sie selbst in der Titelrolle von Sandra Nettebecks „Bella Martha“ feierten, hat er nicht mehr erlebt. Mit „No reservations“ ist in den USA gerade ein Remake abgedreht worden und Catherine Zeta-Jones spielt ihre Rolle. Hat man Sie gefragt, ob Sie mitspielen wollen?

Um Gottes Willen! (lacht). Die müssen sich ja auch von „Bella Martha“ absetzen. Schließlich war das auch international ein großer Erfolg, da können sie jetzt nicht noch einmal mit der gleichen Geschichte kommen.

Sehen Sie außerhalb des deutschsprachigen Raumes beruflich für sich eine Zukunft?

Ich könnte mir das vorstellen. Das hängt auch mit den neuen deutschen Filmen zusammen, die international viel größere Beachtung finden. Irgendwie ist es aber auch ein deutsches Phänomen, dass du im Ausland Erfolg haben musst, um hier anerkannt zu werden. Dabei werden doch auch in anderen Ländern Filme kaum mit Ausländern besetzt. Also „Bella Martha“ war in Spanien einer der erfolgreichsten Filme überhaupt. Trotzdem hat mir kein spanischer Regisseur eine Rolle angeboten.

Im letzten Jahr besetzte sie Robert de Niro in seinem neuen Film „The Good Shepherd“.

Ich spiele da eine Deutsche, eine ganz kleine Rolle.

Was war bei den Dreharbeiten anders als in Deutschland?

Grundsätzlich wird man als Schauspieler viel mehr geachtet. Vielleicht war die Produktion auch sehr auf de Niro abgestimmt. Es herrschte eine hohe Konzentration und Ruhe am Set. Man hatte Zeit zum Proben. Es war so ein bisschen wie Kammermusik, eine Quartett-Situation.

Schauspieler und Regisseure sind in ihrer Arbeit voneinander abhängig. Können Sie dieses besondere Verhältnis beschreiben?

Die Arbeit des Schauspielers ist tatsächlich sehr eng mit der Regie verbunden. Ich habe mich sehr früh darauf eingestellt, mich dem Regisseur in gewisser Weise hinzugeben. Man bezieht sich aufeinander, damit etwas Drittes entstehen kann. Dieser Bezug ist für mich ein ganz guter Halt oder Anhaltspunkt. Ich bleibe zwar immer ich, das heißt aber auch, dass ich mich auf die Eigenarten des jeweiligen Regisseurs einstellen kann oder möchte.

Florian Henckel-Donnersmarck, Oskar Roehler und jetzt Stefan Krohmer – die Regisseure ihrer letzten Kinofilme sind drei vollkommen unterschiedliche Temperamente. Was unterscheidet die Drei in der Zusammenarbeit?

Ja, sie sind wirklich sehr verschieden. Beim Roehler findet die Kommunikation mehr zwischenzeilig statt. Gemeinsam geht man auf die Suche, bewegt sich auf etwas zu, was man nicht wirklich festmachen kann und gerade dadurch entsteht diese spezielle Magie. Henckel-Donnersmarck hat ein sehr genaues Konzept. Man merkt schon am Drehbuch, dass er genau weiß, was er will. Bei der Arbeit sprechen wir viel über die Gestaltung innerhalb der Szene, über die Psychologie. Er dreht viele Takes, man feilt an Kleinigkeiten. Da ist eine gewisse Virtuosität gefragt. Und Krohmer legt starken Wert darauf, dass man völlig frei ist. Er guckt, ob man anfängt sich zu verstellen, zu performen, darauf reagiert er ganz allergisch. Das führt dazu, dass das Leben anfängt sich zu entfalten, wie es eben in Wirklichkeit auch ist.

Was bedeutet das für Sie?

Bei Krohmer geht es eigentlich um die pure Naturhaftigkeit meines Wesens. Er hat mich für die Rolle ausgesucht, also möchte er auch etwas von mir sehen. Was mich als Person auch ausmacht ist hier noch stärker zu sehen, als in den beiden anderen Filmen. In den anderen Filmen verwandle ich mich als Schauspielerin in eine andere Figur, bei Krohmer ist es eher so, dass er die Filmfigur zu dem macht, was ich mitbringe.

„Sommer ´04“ ist auf den ersten Blick eine unscheinbare Alltagsgeschichte. Was hat Sie an Daniel Nockes Buch interessiert?

Es ist schon spannend, wie viele verschiedene Schichten hier übereinander liegen. Als Leser oder Zuschauer wird man durchaus in Bereiche geführt, in denen man sich in Sicherheit glaubt. Und während wir noch denken, da kann nicht viel passieren, sind die Sicherheitsscharniere in der Beziehung von Miriam und André längst alle gelöst. Die schaukeln auf ihrer letzten Windung vor sich hin. Diese Spannung wird nicht künstlich erzeugt, das ist ganz normaler Alltag und plötzlich öffnen sich Abgründe.

Miriam und auch André wirken nicht sonderlich sympathisch. Dem Pragmatismus, mit dem sich die beiden begegnen, fehlt jeder Charme. Wo lag es für Sie der Reiz an dieser Miriam?

An Miriam mochte ich sehr, dass sie kein Opfer war und dass sie nicht leidet. Sie ist erwachsen und das gibt es überhaupt selten, dass man das Gefühl hat, das sind normale Leute, Menschen, die in Deutschland leben, die nicht unbedingt reich sind, aber auch nicht arm, Akademiker, Mittelschicht, kann man mögen, kann man auch nicht mögen, ist egal. Der radikale Bruch in Miriams Leben kommt so selbstverständlich und ohne Riesentamtam daher, dass ich sofort denken muss, genauso ist es auch in Wirklichkeit. Dafür reicht Krohmer eine ganz kurze Szene, in der einem klar wird, „O.K. diese Frau ist jetzt ganz woanders“. Da wird nichts erklärt, nichts psychologisiert, sie sagt nur „ich bin glücklich“ und fertig. Damit muss das Publikum nun umgehen.

Es muss auch mit Bill umgehen, den Miriam verdächtigt, Sex mit einer 12-Jährigen zu haben, ohne dass das irgendwie geklärt wird.

Der Film setzt an allen möglichen Stellen beim Zuschauer Phantasien frei, die im Grunde seine eigenen Phantasien sind und die in keiner Weise suggeriert werden. Dem Zuschauer wird im Grunde der Spiegel vorgehalten. Das ist auch außergewöhnlich und zeichnet die Kunst von Krohmer und Nocke aus.

Als Miriam dürfen sie in „Sommer 04“ endlich auch einmal das Filmende erleben und dabei sogar noch glücklich sein. Das passiert ja nicht oft. Würden Sie nicht gerne mal eingreifen ins Geschichtenerzählen?

Ja wirklich, auf diese Opferrollen habe ich keine Lust mehr. Vielen Büchern, die mir angeboten werden, fehlt es an Fantasie, die könnten so viel wilder, bunter sein. Manchmal träume ich schon davon, es besser zu machen. Die Autoren müssten enger mit uns Schauspielern zusammenarbeiten. Es gibt wenige Bücher mit Frauen, wie sie Oskar Roehler oder Daniel Nocke erfinden.

© Nicolaus Schröder, TIP 2006