Othello, Arkadin und der dritte Mann

Orson Welles und sein vergessenes Meisterwerk
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Sein letztes Geld gab er für ein Taxi aus. Über ein Jahr hatte Orson Welles schon an seinem Othello-Film gearbeitet, hatte ein komplettes Filmteam von Rom nach Marokko verfrachtet und wieder zurück, hatte von anderen Filmproduktionen Kameras und Kostüme entliehen, hatte Darsteller geheuert und noch viel schneller wieder gefeuert, war vor laufender Kamera zusammengebrochen, weil er neben seinem Broterwerb als Filmstar, in der drehfreien Zeit sein eigenes Regieprojekt vorantrieb, Hörspielmanuskripte schrieb und an Drehbüchern und Bühnenshows arbeitete, um Geld aufzutreiben, doch jetzt ging nichts mehr: Orson Welles war pleite, da gab es keinen Zweifel. Für vierhundert Dollar ließ sich der Bankrotteur von Rom an die französische Riviera fahren. Um vier Uhr morgens erreichte er das ,,Hôtel du Cap d´Antibes”. Der Mann, nach dem er verlangte schlief und Welles wartete – auf seinen Auftritt.

Um Orson Welles 1994 in Deutschland für kurze Zeit neu herausgebrachten ,,Othello”-Film ranken sich Geschichten, die selbst schon wieder Stoff bieten für abendfüllende Filme. Liebe, Lüge, Verzweiflung, Verrat und unberechenbarer Übermut wechselten sich ab, ständig durchzogen von der Ungewissheit, ob dieser Film je fertig würde. Danach sah es nicht aus. Hollywoods Wunderknabe, der zehn Jahre zuvor, gerade 25 Jahre alt, eingekauft worden war, weil er, seit ein Hörspiel von ihm eine landesweite Hysterie auslöste, in New York als Genie galt und bei dem die Studios nur darauf warteten, ihm und sich das Gegenteil zu beweisen, dieser Welles hatte gleich mit seinem ersten Film den besten gedreht, der in Hollywood je produziert wurde – ,,Citizen Kane”. Dafür haßten ihn die Studios. Sie haßten ihn, weil seine nächsten Filme ebenso genial waren; sie haßten ihn weil er ihr Sex-Idol Rita Hayworth geheiratet hatte und sie haßten ihn weil er in ihrem letzten gemeinsamen Film die wasserstoffblonden Haare der Pin-Up-Göttin  abschneiden und dunkel färben ließ. Jetzt saß Orson Welles, 35 Jahre alt, über 1,93 groß, unausgeschlafen und aufgeregt im Hotel-Foyer und wartete darauf, daß Darryl F. Zanuck, allgewaltiger Fox-Chef mit einem vielfach bespötteltem Grün-Tick, der bevorzugten Nagellackfarbe seiner Mutter, die Augen aufklappte.

Kaum hatte Zanuck (trug er wirklich einen grünseidenen Morgenmantel?) die Hotelhalle betreten, stürzte sich der übernächtigte Riese vor dem kleinwüchsigen Hollywood-Mogul auf die Knie und flehte: ,,Ich brauche 75.000 Dollar, um den ‘Othello‘ zu beenden. Sie sind der einzige, der mich retten kann!” Zanuck, der solche Szenen in der Abgeschiedenheit seines Studiobüros durchaus schätzte, war peinlich berührt. ,,Stehen Sie auf! Stehen Sie auf!”, zischte er, versprach aber nachzudenken und zog sich ,,für ein paar Telefongespräche” zurück.

1949 hatte Orson Welles mit den Arbeiten am ,,Othello” begonnen. Endlich wollte er einmal frei und ohne Mitsprache eines Studios oder irgendwelcher Geldgeber einen Film realisieren. 1939 hatte er mit RKO einen sensationellen Vertrag ausgehandelt: Jedes Jahr sollte er einen Film machen dürfen entweder als Produzent, Regisseur, Autor, Schauspieler oder in allen Funktionen zugleich, je nach Wahl. Zwanzig Prozent der Bruttoeinnahmen bekam er garantiert, davon 150.000 Dollar als Vorschuß. Daß Welles, bei einer ersten Besichtigung des RKO-Geländes die Studioanlagen als ,,die größte elektrische Eisenbahn, die ein Junge je hatte”, bezeichnete, erregte Aufsehen und Spott. Dann legte er mit ,,Citizen Kane”, ,,The Magnificent Ambersons” und ,,The Lady from Shanghai” gleich drei Filme mit Klassiker-Qualität vor, was weder das Publikum, noch die Studiobosse sonderlich interessierte. Nicht nur wegen seiner verschwenderischen Drehgepflogenheiten war Welles schnell verschrieen. Die Studios verachteten die Eigenwilligkeiten ihres Stars und seine Filme kamen nur ,,marktgerecht” verschnitten, oder gar nicht  -wie 1942 ,,It´s all true”- in die Kinos.

An den Rand der Herzattacke trieb er den knauserigen Columbia-Despoten Harry Cohn mit ,,The Lady from Shanghai”: statt 60 Drehtagen benötigte Welles 90, statt 1,23 Millionen Dollar satte 2 Millionen. Und das für einen Film, nach dessen erster Vorführung Cohn demjenigen 1000 Dollar bot, der ihm die Handlung erklären konnte. Der Preis wurde nie vergeben.

1949 hatte Welles davon genug. Also verdiente er sein Geld unter meist uninspirierten Regie-Handwerkern, von denen Gregory Ratoff, Carol Reed oder Henry Hathaway, noch zu den besseren gehörte. Ihnen gelangen Dank der Mitsprache ihres Schauspielstars, die größten Filmerfolge ihrer Karrieren. Doch Welles blieb umstritten. Als der britische Produzent Alexander Korda Welles für die Rolle des Harry Lime in Carol Reeds ,,Der dritte Mann“ vorschlug, war der amerikanische Co-Produzent David O. Selznick, seit ,,Vom Winde verweht“ wenig erfolgreich, strikt gegen seine Besetzung und führte in einem Memo eine Gallup-Umfrage an, die besagte, daß Welles Kassengift sei. Er schlug Robert Mitchum vor, der kurz darauf mit Marihuana erwischt wurd und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. So bekam Welles die Rolle des zynischen Kriegsgewinnlers Harry Lime, der im Wien der Nachkriegszeit seinen kriminellen Geschäften nachgeht. Mit der Rolle wurde Welles sein Leben lang identifiziert, obwohl sein Auftritt nur denkbar kurz ist. 100.000 Dollar in bar war die Gage. Die brauchte Welles dringend für die weitere Finanzierung der Othello-Dreharbeiten. Dafür verzichtete er auf eine zwanzig Prozent Gewinnbeteiligung, was bei dem Erfolg des Reed-Films eine teure Fehleinschätzung war.

Zanuck war jetzt schon eine ganze Zeit in seinem Zimmer. Welles wartete immer noch. Im Auto hatte er sich Notizen für ein paar Harry-Lime-Geschichten gemacht, die als Radioserie produziert werden sollten. Dabei war ihm eine andere Idee gekommen. Die Geschichte eines Mannes, der anders als Harry Lime, der in der Wiener Kanalisation am Ende seinene Selbstmord inszeniert, die Nachkriegszeit überlebt, der ein angesehener Geschäftsmann mit Macht und unermeßlichen Reichtümern wird, der alles erreicht hat und gerade deshalb von einer panischen Angst vor dem Bekanntwerden seiner kleinen miesen Verbrecherlaufbahn getrieben wird, der er seine jetzige Stellung verdankt. In seinem Sessel liegend stellte er sich diesen Menschen ein bisschen wie Stalin vor, es könnte aber auch ein ,,Grieche sein, ein Russe, Georgier, Jugoslawe. Aus einem alten, halb-wilden Land kommend, etabliert er sich in der modernen europäischen Zivilisation, indem er seine ganz eigene Art von Energie und seine barbarische Intelligenz einsetzt. Seine Moral mag hassenswert sein, aber nicht seine Geisteshaltung.“, murmelte Welles schlaftrunken vor sich hin, als ihm ein Mokka gebracht wurde. ,,Ich finde es unmöglich einen leidenschaftlichen Menschen zu hassen. Harry Lime ist nicht leidenschaftlich“, fuhr er den verschreckten Kellner an. Einen Namen hatt er auch schon für diesen geheimnisvollen Mann: Arkadien. Das erinnert an die Gärten Arkadiens und ist georgisch. Ist das ein georgischer Name? Es klingt wenigstens so, sagte sich Welles mit einem besorgten Blick auf die große Uhr im Empfangssaal, die offensichtlich stehengeblieben ist, bevor er einnickt und von der Wüste zu träumen beginnt, von Desdemona, dem Dampfbad und den Statistenheeren einer Hollywood-Großproduktion.

Für Hathaways Dschingis-Khan-Schinken ,,The Black Rose” war Welles im Frühjahr 1949 nach Marokko gereist. Während das Othello-Team in seiner römischen Villa auf die Rückkehr des Regisseurs und Hauptdarsteller wartete -Welles hatte zu dieser Zeit schon einige Innenszenen mit ungefähr fünf verschiedenen Dedemonas gedreht- gab Hollywoods Film-Enfantterrible in der flirrenden Hitze der marokkanischen Wüste seinen Einstand als Bajan der Eroberer – umhüllt von einem nerzgefütterten Lederumhang aus dreihundert Fellen. Die tägliche Tortur dieser Rolle hinderte ihn nicht für Shakespeares Zypern-Vision den richtigen Drehort zu finden: Mogador, ein an der marokkanischen Küste gelegenes portugiesische Fort aus dem 15. Jahrhundert. Hierhin beorderte er seinen Filmstab, allen voran Michéal Mac Liammóir, Welles Freund aus gemeinsamen Dubliner Tagen, der den Jago spielte und Suzanne Cloutier, die den größten Teil der Desdemona übernahm. Die Dreharbeiten waren eine einzige Verkettung genialer Improvisationen. Gedreht werden konnte nur an den Tagen, an denen die Fox ihrem Bajan Welles frei gab. Während die Kostüme, wenn Welles denn je welche besessen hat, noch auf dem Weg von Rom waren, die Fox sich aber standhaft weigerte aus ihrem Black-Rose-Fundus (für viertausend Statisten) auch nur ein Hemd an ihren Vertragsschauspieler auszuleihen, überlegte dieser, wie er die Ermordung Rodrigos (Robert Coote) ohne Kostüme inszenieren könnte. Lösung: Welles verlegte die Szene in die dämonischen Wasserdampfschwaden eines türkischen Bades. Schließlich war Welles fast fertig mit den Othello-Dreharbeiten, als Hathaway seinen Darsteller zu Studioaufnahmen nach London befahl. Der doppeltbelastete Regisseur schickte sein Team daraufhin, auf deren Kosten, in ein Hotel zurück nach Italien. Von dort sollte Welles einige Wochen später zu Zanuck aufbrechen, um Geld für fehlende Anschlußszenen in Marokko aufzutreiben.

Welles wartete jetzt schon ziemlich lange auf Darryl F. Zanuck, der immer noch telefonierte. Wußte der Fox-Boss, was der Wahnsinnige im Foyer -etwas anderes kann Orson Welles für den cleveren Geschäftsmann nicht gewesen sein- für einen Film gedreht hatte? Er kannte mit Sicherheit Welles letzte Hollywood-Produktion, ebenfalls eine Shakespeare-Bearbeitung: ,,Macbeth”. Ein, wie ein Chronist fand ,,seltsamer Macbeth, alles innerhalb von drei Wochen in regnerischen Mooren und tröpfelnden Höhlen abgedreht, Welles in Pelze gehüllt und einen sonderbaren schottischen Akzent knurrend”. Welles. der seinen Othello ,, wie einen Thriller anlegte”, wie sein Bewunderer François Truffaut später befand, antwortete den Kritikern seiner freien Shakespeare-Deutungen: ,,Die berühmte Shakespeare-Tradition, auf die man sich so oft beruft, ist nicht so sehr ein Dogma, sondern eher eine Legende. Überhaupt handelt es sich dabei gar nicht um eine Tradition, sondern viel zu oft um eine bloße Anhäufung schlechter Gepflogenheiten.”

So hatte der Regisseur das Theaterstück hemmungslos zusammengestrichen, hatte die Struktur vereinfacht, um dem Film später in der Montage -für die allein sollte Welles fast zwei Jahre brauchen- diesen spannungsgeladenen Rhythmus zu geben, der das Publikum auch heute noch erfaßt.

Was erst wie die Reperaturabteilung für verpatzte Dreharbeiten anmutete -oftmals ein und diesselbe Rolle mit verschiedenen Darstellern, unterschiedlichste Lichtverhältnisse, die den hervorragenden Kameramann George Fanto (und vier Kollegen !) mit fünf unterschiedlich empfindlichen Filmsorten arbeiten ließ, improvisierte Dekors usw.- ließ erst die Meisterschaft des Regisseurs hervortreten: die Montage. ,,Was mich interessiert ist, daß der Zelluloidstreifen wie ein Musikstück behandelt wird, und diese Behandlung hängt eben von der Montage ab. Genauso wie der Dirigent ein Musikstück ganz in ´rubato´ interpretieren wird, der zweite es ganz trocken und akademisch spielen läßt und wieder ein anderer sehr romantisch”, erläuterte Orson Welles 1950 dem französischen Filmkritiker André Bazin in einem Interview. ,,Die Bilder allein genügen noch nicht…Das eigentlich Entscheidende ist die Dauer jedes Bildes und was diesem folgt. Was man im Schneideraum herstellt, ist die Beredtsamkeit des Kinos.” Und der Dirgent Welles hatte ein großes Werk vor sich. Hatte sein Meisterstück ,,Citizen Kane” -außer ,,Macbeth” der bis dahin einzige Film, den Welles auch selbst montieren durfte- 1941 aus rund 562 Einstellungen bestanden, galt es zehn Jahre später bei ,,Othello” aus über 2000 Einstellungen einen Film zu gestalten.

Solche Überlegungen war Darryl F. Zanuck in seinem Hotelzimmer gänzlich fremd. Einzig die Zeit interessierte den Geschäftsmann, die das verarmte Genie in der Hotelhalle für die Fertigstellung einer Ware brauchte, die sich vielleicht sogar gewinnbringend verkaufen ließ. Welles Bekenntnis, ,,ich arbeite sehr langsam im Schneideraum, ich weiß nicht warum ich soviel Zeit dafür brauche, ich könnte ewig an einem Film schneiden”, hätte den Tycoon beunruhigt, wenn er davon erfahren hätte. So bestellte der Ahnungslose, der vielleicht immer noch seinen grünseidenen Morgenmatel trug, einen Kurier, um 75.000 Dollar in hundert Franc-Scheinen an den zerknautschten Herrn im Foyer auszuhändigen.

Mit sechzig Prozent aller Gewinne, die der Film einmal einspielen würde, ließ sich der Altruist von der Fox seine Mildtätigkeit bezahlen. Reich sollte Zanuck -manchmal gibt es eben doch noch eine Gerechtigkeit- für diese Tat nicht werden. Orson Welles ,,Othello” errang 1952 bei seiner Uraufführung in Cannes zwar den Hauptpreis, der Film kam aber nur in technisch unzulänglicher Form ins Kino und verschwand schnell im Regal. In einem Fox-Lagerhaus in Ogdensburg, New Jersey, fand Orson Welles jüngste Tochter Beatrice eine Nitrokopie der ersten Originalfassung des  Films, der wohl am deutlichsten das selbstzerstörerische Genie ihres Vaters widerspiegelt.

Mit neugemischter Tonspur, neu angeglichenen Dialogen und nach der Originalmusik transkribierter und neu eingespielter Musik kam ,,Othello” 1994 technisch brillanter ins Kino, als er es bei seiner Premiere war. Ein halbes Jahr später war der deutsche Verleih pleite. Die neuen Kopien liegen wieder in einem Filmlager, diesmal bei einer Spedition in Berlin, bei der noch einige Rechnungen zu begleichen sind. Und Harry Limes Alter Ego Mr. Arkadin? 1955 hatte in Spanien ein Mr. Arkadin-Film Premiere, den Orson Welles inszeniert hatte. ,,Ich hab sehr genau in Erinnerung, wie der Film begann – die Kamera zeigt einen weiten, leeren Strand, und ein nacktes Mädchen wird vom Meer angespült. Aber ich habe eine geistige Sperre, was den Rest anbelangt“, erzählte Orson Welles Jahre später seinem Freund Peter Bogdanovich. Der Film, der ein Jahr später als ,,Herr Satan persönlich“ in deutschen Kinos anlief, war von den Produzenten umgeschnitten worden. Die verwickelte Rückblendenkonstruktion, mit der das Leben Arkadins, sowie die Bemühngen van Strattens beschrieben werden, dieser mysteriösen Biogaphie auf die Schliche zu kommen, fehlen. Welles mochte sich nicht mehr erinnern. ,,Ja, ich hasse schon den Gedanken daran. DAs war die beste populäre Geschichte, die mir je für einen Film eingefallen ist, und eigendlich hätte es ein grandioser Erfolg werden müssen.“.

Die Struktur dieses verhinderten Meisterwerks läßt sich in dem Roman nachvollziehen, der jetzt auf deutsch erschienen ist. Von diesem Text hat Welles behauptet, ihn nie geschrieben zu haben. Erst als Bogdanovich nachbohrt sagt räumt er ein, ihn vielleicht doch geschrieben zu haben.

Orson Welles, der zuletzt in Werbespots auftrat, starb am 10. Oktober 1985. Die Anerkennungen, die ihm in seinen letzten Jahren verliehen wurden, haben den fett gewordenen Alten amüsiert. ,,Dann verglich er sich mit einem Weihnachtsbaum, der langsam seine Nadeln verliert. Je mehr Nadeln er verliert, desto mehr Dekoration braucht man, die kahlen Stellen zu bedecken”, erinnerte sich Beatrice Welles-Smith in einem Interview an ihren Vater. Die Wiederaufführung seines ,,Othello” hätte Orson Welles gefreut und vielleicht hätte er dann selbst die Geschichte von Darryl F. Zanuck erzählt, dem gewaltigen Film-Tycoon, Mr. Arkadin, dem skrupellosen Geldmogul mit der kleinkriminellen Vorgeschichte und Orson Welles, dem letzten Künstler im alten Hollywood.

Nicolaus Schröder, Szene Hamburg, 1993