Philippa und Filippo

Tom Tykwers HEAVEN
Tykwer.2002

HEAVEN hieß das letzte Drehbuch, das der 1996 verstorbene Krzysztof Kieslowski zusammen mit Krzysztof Piesiewicz schrieb. Der Titel klingt, wie ein Gruß aus dem Jenseits. Tom Tykwer hat den Film jetzt inszeniert, mit dem die Berlinale eröffnet wurde. Eine Frau legt eine Bombe, vier Unschuldige sterben. Der Rauschgiftdealer, dem der Anschlag galt, bleibt unverletzt. Beim Verhör verliebt sich ein Polizist in die Mörderin. Er organisiert eine Flucht, dann hilft er ihr, den Verbrecher zu töten.

Kieslowskis Geschichten waren einfach. Wenige Personen, keine komplexen Zeitkonstruktionen, klare Perspektiven. Erzählt wurde was passiert, auf Unnötiges verzichtet. So wurden seine Filme moralische Parabeln, in denen es um Liebe, Tod, Schuld und Sühne oder gleich um die zehn Gebote ging. Kieslowskis Filme bieten die Themenvielfalt eines theologischen Grundstudiums. Tykwer und Kieslowski, LOLA RENNT und DEKALOG, wie geht das zusammen?

HEAVEN beginnt mit den Vorbereitungen zum Bombenanschlag. Konzentriert steckt Philippa (Cate Blanchett) den Sprengsatz zusammen, dann macht sie sich auf den Weg durch die Stadt. Die Art wie sie geht, ihre Zielstrebigkeit verleiht ihrer Tat eine absolute Unausweichlichkeit. Philippa ist unerreichbar, sie ist das Schicksal. Der Lichtstrahl, der durch den Spalt der aufgesprengten Stahltür fällt, verweist auf die Anwesenheit einerhöheren Instanz. Wir befinden uns am Anfang einer Passionsgeschichte.

Filippo (Giovanni Ribisi) verliebt sich in Philippa mit der Ergebenheit eines Gläubigen. Er folgt ihr, obwohl er es ist, der den Fluchtweg bestimmt. Als sie die Stadt verlassen, scheren sie sich die Haare. In ihren weißen T-Shirts sehen sie jetzt wie Engel aus, denen man die Flügel gestutzt hat. Unter einem Baum lieben sie sich zum ersten Mal. Vor dem nächtlichen Himmel erinnert die Silhouette ihrer Körper an Adam und Eva. Doch der Sündenfall liegt hinter ihnen. Die Vertreibung aus dem Paradies hat schon begonnen. Wenn Engel reisen, weint der Himmel.

Die Konzentration mit der Tykwer HEAVEN erzählt, wirkt erstaunlich unangestrengt. Es sind nicht nur Cate Blanchett und Giovanni Ribisi, die jede Effekthascherei vermeiden und schlichte Wahrhaftigkeit verkörpern. Auch die Räume (Szenenbild Uli Hanisch) sind von jedem Ballast befreit und gleichen in ihrer Logik einem Bühnenbild. Mit der Kamera geht Frank Griebe immer wieder auf Distanz und wählt achsensymmetrische Einstellungen. Philippa und Filippo sind Eingeschlossene, die der Kadrierung genausowenig entkommen können, wie dem Raster der Häuserblocks von Turin, die überflogen werden. Später, tauchen sie als Wanderer auf, die sich in der weiten Landschaft fast verlieren. Doch da sind die Beiden schon vogelfrei und sie und wir wissen, daß es kein Entkommen gibt.

Mit Dokumentarfilmen wie DER AMATEUR (Forum 1980) und RUHE (Forum, 1981) wurde Krzysztof Kieslowski im Westen bekannt. Die Nähe zum Dokumentarfilm hat er selbst in den Melodramen seiner Farben Trilogie (u.a. DREI FARBEN: BLAU, 1993) nicht verloren. Kieslowskis Kunst lag in der Fähigkeit, die Bedeutung einer Szene bloßzulegen, statt sie mit Bedeutung aufzuladen. Genau das versuchte Tom Tykwer zuletzt mit DER KRIEGER UND DIE KAISERIN, der unter der Last ausgestellter Bedeutsamkeit kollabierte. Doch in HEAVEN gelingt ihm, was André Bazin über den jungen Fellini schrieb. Hier ist die Welt “unmerklich von der Bedeutung zur Analogie und dann von der Analogie zur Identifikation mit dem Übernatürlichen weitergegangen”. Das existentialistische Pathos der fünfziger Jahre paßt zu Tykwers Film, der auf die Einfachheit des Drehbuchs mit einer Konzentration der ästhetischen Mittel antwortet. Damit erreicht er eine Klarheit, die für einen Augenblick die Illusion erzeugt, auf den Grund der Dinge zu sehen. HEAVEN besitzt dieses magische Moment. Es macht das Wunderbare des Kinos aus.

© Nicolaus Schröder, TIP 2002