Plötzlich ist es da

Mike Leigh über die Dreharbeiten zu ANOTHER YEAR

 

Mike Leigh, der mit Dramen aus dem proletarischen England bekannt wurde, hat einen neuen Film gemacht – über Bildungsbürger im Post-Blair-England. Das wäre bei anderen Regisseuren aus Leighs Generation ein sicheres Zeichen fortgeschrittener Resignation. Doch bei ihm sieht das eher wie ein altersbedingter Zwischenstop aus, bei dem einer Luft schnappt, sich umsieht, um den zurückgelegten Weg abzumessen und dann geht es weiter. Mike Leigh im Gespräch über ANOTHER YEAR.

Tom und Gerri sind makellos, sind sie wirklich so ein perfektes Paar?

Sie sind so perfekt wie es geht, glaube ich, wobei „nobody is perfect“. (lacht) Mir ein perfektes Paar auszudenken, übersteigt auch meine Fähigkeiten, weil ich an diese Fiktion sowieso nicht glauben kann. Ich denke also nicht, dass sie perfekt sind, darin sind sie aber sehr gut. Immerhin haben sie eine stabile Beziehung.

Manchmal nerven sie mit ihrer Zufriedenheit aber schon.

Das sagt mehr über Sie, als über den Film (lacht). Die beiden machen etwas, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob ich das könnte. Ich bin nicht so gut in Beziehungen wie diese beiden, das muss ich schon zugeben. Insofern sind sie natürlich ein Ideal, aber eben nicht im romantischen Sinne. Sie gehören zu diesen Leuten, die einem zeigen, dass es möglich ist, liebevoll und treu zu sein, dabei auch noch hart zu arbeiten und trotzdem Anderen Gutes zu tun, die Dinge anzugehen und wirklich positiv zu sein.

Tom und Gerri sind die glücklichsten Protagonisten ihrer gesamten Filmographie!

Na, ich weiß nicht, jeder Film hat doch seine Sichtweise. (Pause) In einem Film wie HIGH HOPES zum Beispiel, …

…von 1988, in dem Ruth Sheen eine linke Aktivistin spielt…

… überstehen die Protagonisten eine Pechsträhne und am Ende ahnt man, dass sie glücklich werden, (Pause) irgendwann in der Zukunft. Aber eigentlich weiß ich darüber gar nichts.

ANOTHER YEAR endet mit einer langen ungeschnittenen Einstellung. Mary (Lesley Manville) sieht uns an und in ihrem Blick liegt eine Trauer, die einem wirklich die Kehle zuschnürt. So etwas lässt sich nicht inszenieren. Wie bekommen sie diese Momente?

So etwas kann man natürlich nicht einfach so ins Blaue spielen, wenn der Regisseur sagt, „so, jetzt guck mal traurig“. (lacht) Da wüsste doch keiner, was er machen soll. Das kann man nicht ins Drehbuch schreiben, das lässt sich auch nicht künstlich herstellen. Das muss wirklich aus einem selber kommen, aus der Situation und das hängt mit der Vorbereitung zusammen und wie die in diesen Charakter eingeflossen ist. Und natürlich braucht man dafür so außergewöhnliche Schauspieler wie Lesley Manville, die hier wirklich großartig ist. Und wenn dann der kritische Punkt erreicht ist, die Kamera schwenkt und heranfährt, erwacht die Rolle zum Leben. Dann ist das wirklich und Mary muss da durch, durch alle Unsicherheiten, Erinnerungen, Ängste, Hoffnungen und alle anderen emotionalen Abgründe. Genau das sieht man, denn wenn es nicht passieren würde, könnte man es auch nicht sehen. Dieser Augenblick ist das Ergebnis einer monatelangen Vorarbeit. Aufgenommen haben wir die Szene am Ende eines sehr intensiven zwölf Wochen Drehs, der auf diese eine Einstellung hinlief. Dass das geklappt hat, liegt am Fundament, das wir gemeinsam gelegt haben, um diesen einzigartigen Moment freizusetzen.

Wie geht es ihren Schauspielern nach so aufreibenden Dreharbeiten?

Erst einmal sind sie ausnahmslos professionelle Schauspieler und sehr kluge Menschen. Sie haben genügend Sinn für Humor. Wissen Sie, sie leben ihr Leben und wenn die Dreharbeiten vorüber sind, geht es damit weiter.

Stimmt es eigentlich, dass ihre Schauspieler bei den Dreharbeiten, keine Ahnung haben, worum es genau geht?

 

Sie haben keine Ahnung, was das alles werden soll. Sie wissen nur das, was ihr Charakter wissen muss und müssen sich auf das einlassen, was dieser Figur geschieht. Erst wenn ich den Film komplett geschnitten habe, gibt es eine spezielle Vorführung, bei der die Schauspieler den Film zum ersten Mal sehen. Das ist jedesmal eine traumatische Erfahrung für sie, besonders für die, die traumatische Charaktere spielen. Ich liebe diese Vorführungen, das ist ein großer Spaß.

Drehen Sie chronologisch?

Wir versuchen schon mit dem Anfang anzufangen, mit dem Ende aufzuhören und die Mitte in der Mitte zu drehen. Vollkommen chronologisch kann man keine Filme drehen. Das geht vielleicht, wenn man genau voraussagen kann, was als nächstes passiert.

Die Musik ist interessant. Manchmal wirkt sie wie ein etwas spöttischer Kommentar, manchmal passt sie zum Filmbild, das in seiner Farbigkeit an Gemälde erinnert. Ich glaube so etwas haben Sie vorher in ihren Filmen noch nie gemacht?

Das ist interessant, dass Sie das bemerkt haben (lacht) ich würde es ziemlich ähnlich ausdrücken. Es ist tatsächlich da! Muss es auch, denn wir haben es schließlich genauso gemacht. Vor der Entscheidung, alle Jahreszeiten vorkommen zu lassen, habe ich mich mit meinem Kameramann Dick Pope beraten. Er schlug vor, es vollkommen anders aussehen zu lassen. Jedes Kapitel wurde mit anderem Filmmaterial und anderen Filtern aufgenommen, digital grading sorgte für das Finish. Den Score komponierte Gary Yershon, der schon zu „Happy go lucky“ die Musik komponiert hatte. Er ist ein großartiger Filmkomponist, weil er auf die Emotionalität einer Szene genau antworten kann. Das gab mir die Freiheit, die Geschichte in jedem Kapitel aus einer etwas anderen Perspektive weiterzuerzählen.

Wenn ich an „Another Year“ denke, fallen mir merkwürdigerweise Bilder aus „Bleak Moments“ ein. Nur sind die Protagonisten jetzt älter, vielleicht klüger, vielleicht auch frustrierter. Gibt es eine Verbindungslinie, geheime Berührungspunkte zwischen den Charakteren ihrer Filme?

Da kann es Verbindungen geben, vielleicht sind es auch einfach nur ähnliche Typen. Interessant ist, dass sie ausgerechnet „Bleak Moments“ erwähnen, den ich mit 28 gedreht habe, während ich 66 war, als ich „Another Year“ abschloss. Aber es gibt tatsächlich ein paar Übereinstimmungen in den Stimmungen und im Verhalten. Auch in „Bleak Moments“ geht es um Einsamkeit und Fürsorge. Das ist schon eine interessante Übereinstimmung. Aber bei den Charakteren glaube ich eher, dass sie einer ganz perönlichen, unzensierten Logik folgen und sehr eigen sind.

Heute kann man „Another Year“ durchaus auch als Abgesang auf die Gordon-Brown-Jahre verstehen. War das so beabsichtigt?

Nein, außerdem haben wir den Filme eher in einer Zwischenperiode gedreht. Aber es stimmt schon, dass ich allein drei Filme gedreht habe, die es ohne Margaret Thatcher so bestimmt nicht gegeben hätte. Meine Gefühle gegenüber Gordon Brown und den Post-Blair-Jahren sind eher traurig, aber das hat keinen Einfluss auf „Another Year“. Da ging es mir wirklich eher um universelle Dinge. Tom und Gerri, meine Generation, ich bin kaum älter als die beiden, wir gehören zur ersten Nachkriegsgeneration. Wir konnten studieren, Abschlüsse machen, Berufe ergreifen und uns engagieren. Tom und Gerri mussten nach ihrem Studium keine Kredite zurückzahlen, was eine der größten Schweinereien im heutigen England ist.

In „Naked“ lautet Johnny Motto „the party is over!“ Ist das der Sound ihres nächsten Films?

Um die Wahrheit zu sagen, waren die New-Labour-Jahre für viele von uns ein einziges Ärgernis. Aber, Mann, irgendwann verschwindet dieser Mist! Doch jetzt haben wir ein wirkliches Desaster, das ist wirklich schockierend, jetzt wird es noch viel schlimmer.

© Nicolaus Schröder, SZENE-Hamburg 2011