Staatsmonopol auf Nazi-Propaganda

Wie eine Bundesfirma Nazi-Propaganda vergoldet

Die deutsche Firma ist stolz auf das Erreichte: „Die Klassiker der Transit Film sind auf der ganzen Welt im Einsatz“ schreibt der Münchner Filmvertrieb im Firmenportrait und führt zum Beleg Langs „Metropolis“ an, Käutners „Große Freiheit Nr.7“ und Hoffmanns „Quax, der Bruchpilot“. Über andere Klassiker des Filmstocks schweigt die Jubelschrift. Zu ihnen gehört die gesammte Produktion der Nazi-Wochenschau, die Nazi-Propagandafilme und UFA-Kulturfilme. Denn neben dem in der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung zusammengefaßten UFA-Filmstock werten die Münchner auch den Bestand des Berliner Bundesfilmarchivs aus – und das zu Höchstpreisen.

210 Mark pro Sekunde oder 12.600 Mark pro Minute kosten nach der aktuellen Preisliste beispielsweise allein die Rechte Ausschnitte aus einem Nazi-Propagandafilm für fünf Jahre weltweit in Kino, Fernsehen und auf Video zu verwenden, dazu kommen Zuschläge für Archivgebühren und eventuelle Wiederholungen. Die Kosten für das Umkopieren sind im Preis nicht enthalten.

International ist der von Transit Film praktizierte Umgang mit Archivmaterial einzigartig. Im amerikanischen National Archive sind die Aufnahmen aus dem zweiten Weltkrieg als „domain property“ frei verfügbar. Lediglich Kopierkosten werden berechnet. Andere ausländische Archive stellen allenfalls ihre tatsächlich erbrachte Dienstleistung in Rechnung. Die Transit Film GmbH, die im Besitz der Bundesrepublik Deutschland ist und deren Geschäfte vom Bundesinnenministerium kontrolliert werden, sieht das anders. Als Rechtsnachfolgerin des Nazi-Staates wertet die Bundesrepublik die Urheberrechte aus, und dabei ist es egal, was da in Staatsbesitz kam und wie.
Zu den so vermarkteten Propagandafilmen gehört auch einer, den Kurt Gerron 1944 über Theresienstadt drehte. Der Schauspieler und Regisseur, der 1928 mit Brechts „Dreigroschenoper“ zum Star wurde und der 1930 in der Rolle des  Varieté-Direktors Kiepert neben Marlene Dietrich im „Blauen Engel“ auftrat, gehörte zu den prominenten jüdischen Häftlingen des Ghettos. Das  im Bundesarchiv erhaltene 14-Minuten-Fragment heißt „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Der Titel zitiert den Befehl an Gerron, der hier ein Gegenbild zum organisierten Mord schaffen sollte.  Der Film hatte im April 45 vor einer angenehm überraschten internationalen Rot Kreuz-Delegation Premiere. Zu diesem Zeitpunkt waren Gerron und viele der Beteiligten nicht mehr am Leben. Sie wurden unmittelbar nach den Dreharbeiten in Auschwitz umgebracht.

Zur Rechtfertigung ihrer Ansprüche führt Transit Film eine eigenwillige Auslegung des deutschen Urheberrechts an. In der Interpretation des Filmvertriebs ist zum Beispiel in den Aufnahmen der Nazi-Propaganda-Kompanien ein und eben auch in Gerrons Film, Filmwerk zu sehen. Solche Filmwerke unterscheiden sich von den nur 25 Jahre geschützten Laufbildern durch ihren höheren schöpferischen Anteil. 70 Jahre nach dem Tod seines Urhebers ist so ein Filmwerk geschützt. Nach Rechnung von Transit Film erlöschen ihre Rechte an solchen Filmen erst 2015.  Auch auf Filme, von denen das Bundesarchiv selbst gar keine Kopie besitzt, erhebt Transit Film Rechtsansprüche.

Die fast marktbeherrschende Position bei Archivmaterial aus der Nazizeit ermöglicht es der deutschen Transit Film, die bizarre Rechtsauslegung zumindest im Inland durchzusetzen. Trotzdem ist die bundeseigene Firma bei der juristischen Durchsetzung ihrer Auffassung erstaunlich vorsichtig. Als Erwin Leiser 1970 vor dem Münchner Landgericht feststellen lassen wollte, daß Transit Film keine urheberrechtlichen Nutzungsrechte an den von ihm verwendeten Film- und Wochenschauausschnitten geltend machen könne, gab der Filmvertrieb überraschend nach.

Für seine hochgelobte Dokumentation „Deutschland erwache!“ hatte Leiser 1968 neben Spielfilmausschnitten auch Aufnahmen aus der Wochenschau Nr. 29 von 1941 und stumme Einstellungen von Joseph Goebbels benutzt. In der mündlichen Verhandlung erhob Transit Film entgegen ihrer sonstigen Praxis keine Einwendungen gegen die weitere Nutzung der Filmausschnitte und verlangte für den weltweiten Verkauf auch kein Geld. Selbst die Kosten für das Gerichtsverfahren übernahm der bundeseigene Filmvertrieb ohne zu Murren.

Bei Transit Film schien man schon 1970 den Wirbel zu scheuen, den ein Rechtsstreit mit dem in der Schweiz lebenden Leiser verursachen würde, der sich das Filmmaterial aus den Beständen des damaligen Filmarchivs der DDR geholt hatte. Seit diese Bestände dem Berliner Bundesfilmarchiv zugeschlagen wurden, kann sich Transit Film als Quasi-Monopolist aufführen. Wer Filmarchivalien aus deutschen Bundesbeständen kopieren will, muß zahlen – alle Jahre wieder, je nach Länge der jeweiligen Lizenzdauer.

Der Kritik der gängigen Vermarktungspraxis von Filmen aus der Nazi-Zeit antwortet der Transit Film-Geschäftsführer Loy W. Arnold mit dem Hinweis, „daß ein kommerzielles Interesse an der Auswertung nicht vorliegt. Gegebenenfalls werden Einnahmen für die Erhaltung und Pflege der Filmbestände des Bundesfilmarchives verwendet. Vielmehr ist Transit Film im kommerziellen Bereich für die Lizensierung Klassischer Deutscher Filme weltweit in allen Medien bekannt“.

© Nicolaus Schröder, Tages-Anzeiger, Zürich 18. Sept. 1998

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