Was die wilden Kerle fuhren

Spaßfahrer und Geldanleger – auf Berlins Straßen beginnt der Sommer

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Das Zeitalter des Autos geht zu Ende. Heute müssen Autos vernünftig sein, sauber, sparsam, sicher. Das ist wichtig in Zeiten, in denen Autos als Umweltzerstörer gelten und Männer wie George Clooney nicht Porsche sondern Prius fahren. Doch Vernunft ist der sichere Tod für Charakter und Leidenschaft. Denn bei Autos ging es immer um die Aura, die sie umgab, egal ob es Ro 80-Intellektuelle oder Opel-Spießer traf. Statussymbol oder Maurerauto, das war hier die Frage. In den Zeiten von CO2-Verordnung, Carsharing und Hybridantrieb sind sinnlose SUVs und über 300 km/h schnelle Supersportwagen längst zu den Dinos einer sterbenden Epoche geworden. Also warum sich nicht gleich in die Oktan-Blütezeit zurückversetzen, als Steve McQueen und Diana Rigg (aka Emma Peel) nicht nur smart aussahen, sondern auch die richtigen Autos fuhren?

Steve McQueen ist tot und Diana Rigg will mit Emma Peel nichts mehr zu tun haben. Doch ihr Lotus Elan und sein 911er werden heute zu Höchstpreisen gehandelt. Eine wilde Melange aus Icons und Erinnerungen, macht heute die Faszination für alte Autos und Motorräder aus. In Berlin feiern Aficionados diesen Kult auf den Partys des Roadrunner’s Club oder sie tragen ihre Kreditkarte gleich nach Moabit ins Meilenwerk. Dort hat man sich nach Investorenquerelen mittlerweile den sinnfreien Namen Classic Remise gegeben, zu dem weder der denkmalgeschützte S-Bahnschuppen noch der moderne Innenausbau mit Glas und poliertem Beton passt. Architektonischer Höhepunkt der Halle ist die Garagenreihe, in der reiche Berliner ihre Schätze in einer gläsernen XXL-Matchbox parken können. Vom Hispano Suiza bis zum Iso Rivolta ist hier aufgereiht, was sonst in Zehlendorfer Garagen versteckt wird. Berlin ist eben nicht nur arm und die Autoverkäufer, die hier arbeiten sind keine Gebrauchtwagenhändler. Diese Anlageberater empfehlen lohnende Investments, solche, die man gerne zeigt.

Während nebenan das große Geschäft gemacht wird, sitzt Ralf Vogelhuber von Rooaring*70s in seinem kleinen, bis unter die Decke vollgestopften Büro und erledigt Emailgeschäfte. Früher hat er hier auch eine Verkaufsfläche gehabt, aber das Geschäft mit 70er-Jahre-Bikes („das waren die besten“) ist aus einem Nischendasein nie wirklich herausgekommen. Vogelhuber handelt jetzt hauptsächlich mit Ersatzteilen für diese Motorräder, „weltweit“ wie er betont. Einen „Witwen-Macher“ hat er trotzdem gerade verkauft. So wurde die Kawasaki H2 einmal genannt. Dem Modell ließ Kawasaki ein paar Jahre später „Frankensteins Tochter“ folgen, die Z1, die noch übermotorisierter war. Heute liegt die Attraktion solcher Motorräder nicht im schnell erreichten Grenzbereich, sondern an den Mythen, die diesen Maschinen anhängen. Und Vogelhuber ist ein guter Erzähler, der die Geschichten seiner Motorräder alle kennt. Weil er endlich etwas tun wollte, was ihn glücklich macht, sei er mit dem Motorradgeschäft angefangen, sagt er. Für ihn ist die Classic-Remise heute vor allem wegen der Kontakte wichtig – und wegen des Verpackungsmaterials der Nachbarn. „Das ist ein Recycling auf kurzem Weg. Die sind froh, dass sie es los sind und meine Kunden freuen sich, wenn ihre Motorradteile im Ferrari-Karton kommen.“

Vogelhuber gehört wie Dirk Salomon vom Classic Depot zur ersten Mietergeneration im Meilenwerk. Dass er mal Autos vermieten würde, das hatte auch Salomon nicht geplant. Schöne alte Autos hätten ihn schon immer fasziniert, erzählt er. Die Erkenntnis, sie kaufen zu müssen, nur um sie einmal fahren zu können, hätten ihn auf die Geschäftsidee gebracht. Mittlerweile stehen 100 Youngtimer im Fuhrpark von Classic Depot vom Karmann Ghia, über Citroën DS bis zu Giulia Spider, Jaguar E und mehreren VW-Campern aus den 70ern. Salomon kennt seine Kunden. „Da gibt es den Enkel, der seinem Opa die Spritztour im Messerschmidt Kabinenroller schenkt“, der die Großeltern in den 50ern an den Bodensee brachte oder Paare, die im Woodstock-Bully zu einem Festival wollen. Auch Film- und Werbeproduktionen mieten immer wieder Autos an und dann kommen auch Firmen, die ein Event für Geschäftsfreunde oder Mitarbeiter ausrichten. Um diesen Autobestand in Schuss zu halten, werden Werkstätten in ganz Berlin beschäftigt, manchmal auch Spezialisten, wie den Franzosen, der sich ausschließlich um den Citroën 11CV kümmert, die Gangsterlimousine aus den frühen 50ern.

Zu den absoluten Spezialisten im Meilenwerk gehört zweifellos auch Davide Viperino. Ende der 80er zog der Neapolitaner nach Berlin. In Italien hatte er studiert, hier jobbte er erst in der Gastronomie, dann in einer Ducati-Werkstatt und schließlich als Chefmechaniker bei deutschen GP-Teams. Seine kleine Werkstatt Berlin Moto Classica erinnert dann auch an eine Rennbox. Ein Aprillia Team-Overal hängt an der Wand, ein faltbarer Di Blasi Scooter steht auf seinen winzigen Rädern zur Fahrt durch die Boxengasse bereit und eine Renn-Ducati wartet auf der Hebebühne. Für Motorradrennen fehlt die Zeit, dafür kümmert sich Viperino jetzt um die 70er-Jahre Guzzis von Sarah Wiener und Andreas Hoppe. Während gegenüber von Viperinos Moto Classica der V8 eines amerikanisches Muscle Car auf dem Bremsenprüfstand aufheult, beginnt der Timetunnel wieder zu rotieren. Den Benzinmotoren mag die letzte Stunde schlagen, doch die Helden der Vergangenheit werden überleben.Wroamm

© Nicolaus Schröder, TIP 2012